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Stefan auf Abwegen

Am letzten Freitag besichtigten wir wie angekündigt einen Gletscher und zwar den „Bødalsbre“. Auf engen Strassen konnten wir mit dem Auto relativ weit fahren, so dass die Wanderung durch eine wilde Hochebene nur gerade eine knappe Stunde dauerte. Den Gletscher sahen wir allerdings schon fast von Anfang an, wir liefen direkt auf ihn zu. Ich mag diese blaue Farbe des Eises und genoss die Aussicht darauf sehr. Auch dieser Gletscher ist leider arg im Rückzug, wir sahen Markierungen von 2009 und 2011, welche deutlich weiter unten angebracht waren. In ein paar Jahren wird man wohl vergebens zum Bødalsbreen wandern.

Am Samstag war dann der Umzugstag. Da wir bis zum Start der dritten Etappe des Fjord-O reichlich Zeit zur Verfügung hatten, entschieden wir uns, nicht direkt nach Sjøholt zu fahren und den Umweg über den Geirangerfjord zu wagen. Ebenfalls wagten wir noch einen weiteren Umweg über den „Gamle Strynveien“, die alte Passstrasse. So konnten wir ein paar düstere Tunnels umfahren und erst noch eine fantastische Landschaft geniessen. Leider hingen dunkle Wolken über den Bergen, sonst hätten wir auch dort noch einen Blick auf Gletscher werfen können. So beliessen wir es mit dem Bestaunen der näheren Umgebung und des nach wie vor herum liegenden Schnees.

 

Die Fahrt zum Geiranger war dann etwas mühsam, weil auf der engen Strasse auch Cars und Wohnwagen/-mobile unterwegs waren. Vor allem in den Haarnadelkurven hatten die Chauffeure ganz schön zu kurbeln. Aber wir hatten ja Zeit und konnten uns umso mehr der Landschaft widmen. Auch hier gefiel uns, was wir sahen. Bei einem Aussichtspunkt hielten wir dann noch an und konnten so herrlich über den ersten Teil des Fjords blicken. Das war schon imposant dort oben, vor allem die Fjells, welche extrem steil direkt vom Wasser in die Höhe steigen.  

In Eidsdal liessen wir uns zur Abwechslung mit einer Fähre auf die andere Seite des Norddalfjorden schippern und konnten während dieser Zeit unsere fast leeren Mägen etwas füllen. Wir brauchten Kohlenhydrate für den Wettkampf. In Sjøholt waren wir so weise, unser neues Ferienhaus vor dem OL zu suchen, danach – darauf würde ich wetten – hätten wir, respektive Stefan, es nicht mehr gefunden. Das Haus liegt gleich neben einem Fabrikgelände und ist vermutlich sehr, sehr alt. Aber es hat Strom, Internet, warmes Wasser und eine Waschmaschine.

Etwa um vier Uhr kamen wir im Wettkampfgelände an, eine Stunde später starteten wir zum Langdistanzrennen. Ich kurz vor fünf, Stefan kurz danach. Mein Lauf war zwar nicht fehlerfrei, aber in diesem schwierigen Gelände war ich dennoch nicht unzufrieden mit meiner Leistung. Ich war gespannt, wie es Stefan ergehen würde, denn er war vor 24 Jahren schon einmal hier oben und schwärmte im Vorfeld des OL’s mächtig vom Gelände.

Es dauerte dann eine Weile, bis ich erfahren konnte, wie Stefan den Lauf fand, denn er hielt es recht lange im Wald aus. Das Zielteam hätte gerne Feierabend gemacht, doch zuerst musste Stefan erscheinen. Er war spät gestartet und hatte eine lange Bahn zu absolvieren. Dadurch, dass ich etwas warten musste, hatte ich dafür Gelegenheit, mit den Leuten des OK zu plaudern, und das gefiel mir natürlich sehr. Als Stefan dann im Ziel eintraf, war er um eine physische „Nahtoderfahrung“ (wie er es nannte) reicher und hatte einen „Jahrhundertfehler“ hinter sich (man erinnere sich, den hatte er eigentlich bereits schon im Idre-Fjäll eingezogen). Erst bei der Auswertung am Abend sahen wir dann, wo er überall war. Ehrlich gesagt, ich hätte mir diese Umwege möglichst erspart….(nah dran und doch vorbei und dann gekringelt).

 

Trotz müden Beinen galt es am Sonntag an der letzten Etappe noch einmal alles zu geben. Zum Glück war es nur noch eine Mitteldistanz. Diese fand in einem – ich kann es nicht anders sagen und wiederhole mich – extrem coolen Gelände statt. Der Wald war zum Teil offen, überall hatte es kleine Hügel, Seen, Sümpfe, Trollgras, Steine und Felsen. Die Konturen waren deutlich zu erkennen und machten das Orientieren zu einem Genuss. Nun hatten wir beide einen guten Lauf und vor allem Stefan einen versöhnlichen Abschluss. Auch diesmal wartete ich im Ziel auf ihn, und die netten Leute von gestern fragten mich, ob er heute wohl etwas früher kommen täte…. tat er!

Heute wollten wir eigentlich unseren ersten Ruhetag der Ferien einziehen, doch die Wettergötter liessen es nicht zu. Nur bei Regen wollten wir ruhen. So fuhren wir noch einmal in die Nähe der Wettkämpfe und unternahmen eine Wanderung hinauf ins Fjell. Am Anfang regnete es zwar und die Aussicht auf die umliegenden Berge war nicht so toll, aber es wurde zunehmend schöner, so dass wir mehrheitlich trocken unterwegs waren. Das heisst, trocken waren wir von den Beinen an hoch. Die in Stiefeln steckenden Füsse durchwateten mehrheitlich sumpfige Wiesen.

Irgendwann kamen wir ins Wettkampfgelände der Langdistanz, und wir beschlossen, zum Spass ein paar der schönen Posten von Stefans Bahn anzuwandern. Als wir beim ersten waren sahen wir, dass die Postenlaternen noch standen. Das gab tolle Fotos. Insgesamt waren wir sechs Stunden unterwegs. Da wir aber immer wieder einen Posten anpeilten, wurde es eine sehr kurzweilige Tour. Gegen Schluss liefen wir dann noch den Posten des „Jahrhundertfehlers“ an. Stefan machte dies heute äusserst souverän und wunderte sich selber, dass er vor zwei Tagen dermassen viel Zeit bei diesem Posten verlor. Ich sage wirklich nicht, wieviel….

Nun bleibt uns eine knappe Woche hier in Sjøholt. Wir haben noch viel vor. So wollen wir an einem Tag Ålesund besichtigen, den Trollstigen befahren, einen hohen Berg besteigen und noch einmal mit Karte und Kompass in einen Wald gehen. Ich glaube, den Ruhetag verschieben wir noch einmal. Wäre ja schade, wenn wir die Tage hier in Norwegen nicht ausnutzen täten.