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Tage zum Geniessen

Den Ruhetag zogen wir am Dienstag ein. Das Wetter sollte gemäss Prognosen nicht so toll werden, so dass wir keine Wanderung planen wollten. Dafür hatten wir im Sinn, uns in den Strudel der Touristen zu begehen. Der Trollstigen liegt ja nicht so weit entfernt von uns. Und gemäss Stefan ist das Befahren dieser sich mit unzähligen Haarnadelkurven in die Höhe schraubende Strasse ein Muss in Norwegen. Ich staunte, was man hier nicht alles muss. Dabei wussten wir von anderen Ferien, dass es an solchen Muss-Orten viel zu viele Leute hat. Nun denn, wir fuhren trotzdem hin.

In Åndalsnes begann die eigentliche Passstrasse. Bis dorthin hatten wir eine angenehme Reise und konnten ein paar Mal wunderschön auf die Fjorde und Fjells blicken. Was uns ein bisschen ärgerte war der Blick nach Norden zur Küste hin. Denn dort war blauer Himmel. Schauten wir in Richtung des Trollstigens, war alles nur grau und wolkenverhangen.

Zusammen mit den befürchteten anderen Touristen begannen wir den Aufstieg. Da wir Cars und Mobilhomes vor uns hatten, ging die Fahrt nur langsam voran. Über uns sahen wir noch mehr Cars und noch mehr Autos, das war irgendwie imposant. Oben hatte es dann ein paar Plattformen, wo man runter blicken konnte, den obligatorischen Souvenirshop und tonnenweise Parkplätze. Da wir schon mal hier waren, stiegen auch wir aus und hüpften von Plattform zu Plattform und blickten hinunter. Wir wollten ja nicht auffallen.

Nachdem wir alles zur Genüge gesehen hatten, fuhren wir weiter. Allerdings nur so weit, bis sich das Tal auf der anderen Seite erweiterte. Dort stiegen wir aus und wanderten etwas in der Gegend herum. So ganz ohne Bewegung wollten wir nicht sein. Weiter unten staunten wir dann über die riesigen Erdbeerfelder. Überall waren Leute daran, die Beeren zu pflücken. Und überall hätte man sie kaufen können. Hätte man mich gefragt, ich hätte dem Tal den Namen „Jordbærdalen“ gegeben.

Am Mittwoch und Donnerstag war dann der Himmel so strahlend blau, dass wir gleich zwei Wanderungen vorbereiteten. Am Mittwoch wollten wir den „Blåskjerdingen“ besteigen, einen 1061 Meter hohen Rundberg. Wären wir den normalen Wanderweg gegangen, hätten wir auf nur gerade 3 Kilometer rund 800 Höhenmeter zurücklegen müssen. Wir entschieden uns – wie so oft – einen kleinen Umweg zu machen und den Berg von der hinteren Seite her zu besteigen. Das hiess, dass wir vermutlich nur Wegspuren hatten, über einen Grat gehen mussten und oben eventuell leicht ausgesetzte Stellen hatten. Also alles kein Problem für einen Angsthasen wie mich. Als wir dann nach diesem kleinen Umweg nicht einmal den Hauch von Wegspuren erkennen konnten, der Grat ziemlich zerklüftet aussah und just dann die Bergspitze in Nebel eingehüllt war, entschieden wir uns, zurück auf den normalen Wanderweg zu gehen und den Berg so zu erklimmen. Das war die beste Idee des Tages. Es ging auch so steil hinauf, und oben sahen wir, dass ich wohl nur mit mehreren Nervenzusammenbrüchen über den Grat gekommen wäre. Oder mit Schreikrämpfen.

Nun aber war ich einfach nur ergriffen von dem, was ich sah. Da sich der Nebel mittlerweile ganz verzogen hatte, konnten wir weit aufs Meer, andere Fjells und viele Fjorde blicken. Ich dachte für mich, dass jeder und jede wenigstens einmal im Leben die Chance haben sollte, eine solche Aussicht geniessen zu können. Wir blieben mindestens eine Stunde dort oben, und das will etwas heissen. Der steile Abstieg in den Steinen war zwar wieder mühsam, doch für diese herrliche Aussicht war ich fast für jeden Abstieg bereit. Es durfte einfach nicht ausgesetzt sein…

Gestern wollten wir noch einmal auf einen Aussichtsberg, denn wir waren fast ein wenig süchtig danach geworden. Doch vorher war Sightseeing in Ålesund dran. Wir fuhren extra früh los und hofften so, dem grossen Touristenansturm auf dem Aussichtshügel „Akselas“ zu entgehen. Da am Hafen jedoch ein riesiges Kreuzfahrtschiff ankerte, war diese Hoffnung umsonst. Doch die Aussicht auf die Stadt war dennoch toll, wir taten einfach so, als ob ausser uns niemand sonst auf dem Hügel war.

Ålesund selber ist eine hübsche Stadt mit vielen Jugendstilhäusern. Anfangs des 20. Jahrhunderts wurde ein grosser Teil der Häuser durch einen Grossbrand zerstört und u.a. mit Hilfe des deutschen Kaisers Wilhelm wieder aufgebaut. Holz durfte beim Wiederaufbau nicht mehr verwendet werden, so dass eben diese schönen Jugendstilhäuser entstanden.

Am Nachmittag wanderten wir dann bei relativ grosser Hitze auf den „Vardane“. Doch auch dieser Aufstieg lohnte sich. Nun hatten wir Ålesund weit unter uns und mit der Stadt wieder viel Meer und ganz viele Inseln. Fjorde und steile Fjells erblickten wir in die andere Richtung. Etwa die Hälfte des An- und Abstiegs konnten wir durch den Wald gehen, und dieser war voller Heidelbeeren. Beim Aufstieg konnten wir ihnen noch widerstehen, danach nicht mehr. So hatten wir unser Dessert gleich unterwegs und brauchten daheim nur noch einen stärkenden Kaffee.

Heute, am letzten Tag in Norwegen, fuhren wir noch einmal ins OL-Gebiet und machten ein langes Training im Wald der Mitteldistanz. Ich lief Stefans Bahn, denn was für ihn eine Mitteldistanz sein sollte, ist für mich bereits eine Langdistanz. Stefan lief allerdings nicht meine Bahn, das wäre doch etwas zu kurz gewesen. Er legte sich eine eigene. Mir lief es noch einmal super, ich genoss das coupierte Gelände, naschte immer mal wieder eine Heidelbeere und war nach gut 70 Minuten wieder beim Auto. Kurz nach mir kam Stefan, und seither geniessen wir den Nachmittag hier in unserem Haus. Morgen ziehen wir dann wieder südwärts, allerdings noch nicht in die Schweiz. Eine knappe Woche Slovenien mit ganz vielen Wettkämpfen wartet noch auf uns.

Heute vor fünf Jahren tötete Anders Breivik in Utøya so viele unschuldige Menschen. Auch wenn wir selber nicht davon betroffen waren, so denken wir an diese grausame Tat, denn damals waren wir ganz in der Nähe in den Ferien. Und auch weil mittlerweile solche feigen Terrorakte zum Alltag gehören. Ich wünsche mir, dass wir nie vergessen, wie gut wir es haben, und dass es überall Menschen gibt, welche um ihre Kinder, Eltern, Geschwister oder Partner trauern.