Home

„Heimkehr nach Cavaione“

Heute berichte ich von Erlebnissen, welche mir auf positive Art und Weise sehr nahe gegangen sind, und von welchen ich noch lange zehren werde. Ich war für ein paar Tage weg, nahm mir eine Auszeit vom Alltag und fand eine alte „Heimat“ wieder.

Am Dienstag fuhr ich kurz nach dem Mittag mit dem Auto nach Surava. Nur schon zu diesem zweihundert-Seelen-Dorf habe ich seit meiner Kindheit eine enge Beziehung. Meine Grosseltern mütterlicherseits, Tata und Nonno, sowie Tante, Onkel, Cousinen und Cousin wohnten dort. Nur schon von meinen Erlebnissen als Kind zusammen mit Sonja, Rita und Bruder Marcel zu erzählen, würde viele Seiten füllen, das lasse ich heute lieber.

Bei Rita war ich allerdings Gast. Ich durfte bei ihr übernachten, weil ich am nächsten Tag noch eine weite Reise vor mir hatte. An Ritas Küchentisch durfte ich dann spannenden Erzählungen über die Jagd und die Hege der Tiere zuhören. Ich war tief beeindruckt und mein Verständnis für die Jäger ist gestiegen. Ich glaube, erst wenn sich jemand wirklich damit auseinander setzt, kann er oder sie verstehen, warum Tiere gejagt werden. Lust am Töten ist es sicher nicht. Danke Rita!

Nach wunderbarem Essen, feinem Wein, tollen Gesprächen und etwas weniger Schlaf stand ich am Mittwoch auf, frühstückte gemütlich mit Rita und liess mich von ihr zum Bahnhof Tiefencastel fahren. Von dort brachte mich der Bernina-Express der Rhätischen Bahn direkt nach Brusio, wo ich aussteigen wollte.

In Brusio wartete schon meine neue Gastgeberin Anna auf mich. Persönlich kannte ich sie nicht, aber sie war trotzdem eine spezielle Frau für mich. Anna wohnt nämlich in Cavaione, im Haus, in welchem meine Mutter vor bald achtzig Jahren zur Welt kam. Ich wollte unbedingt ein paar Nächte in diesem Haus verbringen. Gespannt liess ich mich von Anna in das kleine Puschlaver Bergdorf nahe der Grenze zu Italien hochfahren. Ich wusste, weshalb ich mein kleines Auto lieber bei Rita gelassen hatte und die Bahn bis nach Brusio nahm: Die Strasse ist immer noch mörderisch steil – für mich auf jeden Fall. Anna lachte nur über meine Ängste und fuhr mich problemlos hinauf. Ich werde es noch oft sagen: Cavaione ist steil. Meiner Meinung nach sollte es für alle Bewohner – Mensch und Tier – Pflicht sein, mit Steigeisen dort herumzulaufen.

Das Elternhaus „Monticelli“ meiner Mutter hat in den letzten 80 Jahren einige Änderungen erfahren. War es früher das kleine Steinhaus armer Bergbauern, ist es mittlerweile ein wunderschönes Wohnhaus geworden. An beiden Seiten wurde angebaut, so dass Anna problemlos zwei Zimmer regelmässig vermieten kann. Ich durfte im Zimmer sein, in welchem meine Mutter geboren wurde. Das war ein spezielles, schönes Gefühl.

Nach einer feinen Suppe wanderte ich zur Kirche hoch und weiter zu den nächsten Häusern. Um wirklich zu spüren, wie steil es war, stieg ich die Wiese hoch. Auch wenn ich eine geübte OL-Läuferin bin, rutschte ich ein paar Mal aus und fluchte innerlich leise. Die Aussicht auf Tirano hinunter genoss ich jedoch sehr. Der Himmel war blau, die Luft warm, und dank des Aufstiegs schwitzte ich recht.

Nach einer Weile ging es wieder hinunter, wieder auf der Wiese. Wozu Strassen, wenn man auf dem Hosenboden rutschen kann. Ich lief an Monticelli vorbei und rund zweihundert Höhenmeter tiefer ins eigentliche Dorf Cavaione. Dort besuchte ich einen der wenigen Ganzjahresbewohner, Claudio, und liess mir ein paar alte Geschichten rund ums Dorf erzählen. Es war spannend.

Anna kochte mir dann ein feines Nachtessen, und beim Essen und Plaudern verging die Zeit bis zur Nachtruhe sehr schnell. Der Himmel in Cavaione war besonders: voller Sterne. Das Dorf hingegen lag im Dunkeln. Schön!

Am nächsten Morgen – Anna buk mir ein Brot – spazierte ich wieder nach Cavaione hinunter. Ich lief kreuz und quer durch die engen Gässchen und dachte mir immer wieder, dass hier meine Mutter auch unzählige Male durchgegangen sei. Oder meine Tata, wenn sie gemeinsam mit den anderen Frauen im grossen Ofen Brot buk. Cavaione hatte nie viele Einwohner, doch mittlerweile leben die meisten unten im Tal. Die Häuser sind jedoch renoviert und werden als Wochenend- oder Ferienhäuser genutzt. Ich verstehe jeden, der dort oben seine Ruhe sucht, er wird sie finden!

Auf dem Weg zurück nach Monticelli setzte ich mich in das steile Wiesenbord und hing meinen Gedanken nach. Da kam ein Auto vom Tal hoch gefahren. Drinnen sass Secondo, einer der Cousins meiner Mutter, welcher zu seinem Haus hinauf fuhr. Er staunte zwar, dass ich einfach so da in der Wiese sass, aber er hielt mich doch nicht für ganz verrückt.

Kurze Zeit später fuhr ich mit Secondo ins Tal nach Brusio hinunter. Ich war von ihm und seiner Frau Anna zum Essen eingeladen. Mit dabei war Ethel, eine der Töchter. Es war schön mit den dreien. Wir schwatzten, lachten und ich durfte wieder vielen Geschichten von früher zuhören. Mir kam es vor, als ob ich nach langer Abwesenheit nach Hause zurückgekehrt wäre. Mir wurde auch klar, dass ich dieses Tal, die Bewohner und das kleine Bergdorf immer in meinem Herzen tragen werde. Grazie a Anna, Secondo, Ethel. Ritornero l’anno prossimo – promesso!.

Zum z’vieri kamen Claudia und Ezio vorbei sowie die vier Enkelkinder von Anna und Secondo. Es war ein wunderbares Sprachengewirr in der gemütlichen Küche und eine fröhliche Stimmung. So vergingen die Stunden für mich viel zu schnell, und Secondo brachte mich wieder nach Cavaione zurück. Eigentlich wollte ich hochlaufen, aber es war zu spät geworden. In der Dunkelheit hätte ich den kleinen Weg vermutlich nicht mehr gefunden.

Am Abend wurde ich noch einmal mit einem feinen Nachtessen verwöhnt. Anna und meine Verwandtschaft brachten es fertig, dass ich mich erholen und neue Kräfte tanken konnte. Am Freitag fuhr ich dann wieder über den Berninapass ins Engadin und von dort nach Surava. Ich musste ja noch mein Auto „befreien“.

Meiner Cousine Rita und Onkel Marino brachte ich in einer Flasche Wasser von Cavaione mit. Am Abend war ich dann in Chur bei meinem Vater. Am nächsten Tag fuhren wir zusammen mit Margrith nach Bern, wo wir am Nachmittag eine tolle Führung durch das Schloss Burgdorf hatten.

Auch wenn es sogar im Schloss recht kalt war, verging die Zeit dank der wunderbaren Führerin, Frau Aebischer, im Flug. Die Führung war das Geschenk von Thomas, Alex, Sereina, Florian, Lea, Stefan und mir an meinen Vater zu seinem 80. Geburtstag. Zusammen mit dem drei Wochen alten Robin – dem süssesten Enkel der Welt – verbrachten wir danach einen tollen Abend in Schlosswil.  Für Robin und meinen Vater war es die erste Begegnung von Urgrossvater und Urenkel!