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One Step back

Da bei uns im Moment OL-mässig nicht sehr viel läuft, dachte ich mir bereits, dass ich ja gar nichts mehr zu schreiben weiss. Aber kann es sein, dass mir nur dann Ideen kommen, wenn ich über irgendein Abenteuer in einem Wald berichten kann? Es gibt doch ausserhalb des Orientierungslaufes auch noch eine Art Leben…

Deshalb schreibe ich, wenn auch nur kurz, über meine kleine Reise in einen Teil meiner Vergangenheit. Klein war die Reise, weil sie nur bis Zürich ging, aber nichtsdestotrotz war sie mir wichtig.

Seit einigen Jahren fahre ich regelmässig jede zweite Woche nach Chur. Bis zum Tod meiner Mutter vor allem deshalb, um ihr und meinem Vater im Alltag zu helfen, danach, um ein paar schöne Stunden mit meinem Vater zu verbringen. Ich möchte diese Reisen, auch wenn sie mit sechs Stunden Fahrzeit pro Mal streng sind, nicht mehr missen.

Letzten Freitag reiste ich für einmal nicht ganz so weit. Mein Vater und ich hatten uns in Zürich verabredet. Dies natürlich nicht einfach so. Mit Zürich verbindet uns viel. Ich kam dort zur Welt, mein Vater arbeitete während zehn Jahren von 1962-1972 beim EWZ, und deshalb wohnten wir alle in Zürich. Während dieser Zeit hatten wir einen Schrebergarten in der Nähe des Hardturm-Stadions. Ich selber habe nicht mehr so viele Erinnerungen daran, als wir nach Ilanz zogen, war ich erst sieben Jahre alt. Was mir noch gut in Erinnerung bleibt, ist unser letzter Tag im Garten. Dann nahmen wir noch einmal mein Meerschweinchen „Ziberli“ mit, und er zog es vor, abzuhauen, anstatt mit uns in Bündnerland zu ziehen. Was war ich traurig, als wir den kleinen Kerl nicht mehr fanden und ich ohne ihn abreisen musste.

Für meine Eltern war der Garten ein kleiner Zufluchtsort im Grünen. Beide waren leidenschaftliche Gärtner und verbrachten unzählige Stunden mit Bepflanzen, Jäten, Ernten oder Einmachen. Auch gab es immer wieder Gelegenheiten zu grösseren oder kleineren Festen mit den Gartennachbarn. Mein Bruder und ich genossen das Baden im damals für mich grossen Fluss gerade ausserhalb unserer Parzelle. Kurzum, es war eine schöne Zeit in diesem Schrebergarten.

Da wir 1972 nach Ilanz umzogen, mussten meine Eltern den Garten zwangsläufig aufgeben. Dank Tischinas konnten sie sich ein neues Paradies schaffen.

Nun, nach über 45 Jahren wollte mein Vater noch einmal sehen, ob es den Zürcher Garten und das kleine Häuslein noch gibt. Dank Google-Maps konnten wir sehen, dass zumindest die Schrebergartensiedlung noch existiert. Wie es wohl aussehen würde?

Am Freitag trafen wir uns kurz vor Mittag im Hauptbahnhof Zürich und fuhren mit dem Tram Nr. 17 vom Sihlquai aus Richtung Altstätten. Für meinen Vater war nur schon diese Fahrt eine Begegnung mit der Vergangenheit. Fast bei jeder Haltestelle konnte er mir eine Anekdote aus der Zeit beim EWZ erzählen. Er wusste noch, wo welche Leitung verlegt worden war und wie es damals ausgesehen hatte.

Als wir eine Station früher als geplant ausstiegen, um den letzten Rest zu Fuss zu gehen, waren die Erinnerungen überall präsent. Wir spazierten an diesem kleinen Seitenflüsschen entlang, welches für mich vor über 45 Jahren ein riesiger Fluss gewesen war.

Bald einmal erreichten wir die ersten Parzellen der Schrebergärten. Sie waren von einem hohen Zaun umgeben, und bei der ersten Tür merkten wir, dass es ohne Schlüssel nicht einfach sein würde, ins Areal hineinzugelangen.

Plötzlich blieben sowohl mein Vater als auch ich stehen. Wir beide hatten „unser“ kleines Gartenhaus entdeckt. Da es ganz am Rand der Schrebergartensiedlung steht, war es gottlob gut zu finden. Auch wenn die Farbe an den Wänden abgeblättert war, der Garten verwildert aussah und ein paar unvorteilhafte bauliche Massnahmen das Gartenhaus verändert hatten, wussten wir sofort, dass wir am richtigen Ort waren. Schade, konnten wir nicht hinein. Wir liefen am Zaun entlang weiter, immer in der Hoffnung, doch noch einen Einschlupf zu finden. Ich fand am Vereinshaus sogar Telefonnummern des Vorstandes und rief wahllos eine an. Der Mann am anderen Ende war zwar nett, doch weiterhelfen konnte er nur bedingt. Er riet uns, ein ganz spezielles Eingangstor zu suchen, welches mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht abgeschlossen wäre. Das Tor lag auf der anderen Seite der Schrebergärten, und wir entschieden uns, den Versuch zu wagen. Als wir wieder bei „unserem“ Gartenhaus waren, fotografierten wir es von aussen, so gut es ging. Mein Vater konnte sehen, dass noch Mauern standen, die er gebaut hatte.

Bevor wir uns weiter auf den Weg machten, sahen wir bei einem der geschlossenen Tore, dass gerade ein Mann daran war, es aufzuschliessen. Ich lief zu ihm hin und bat um Einlass. Als er unsere Geschichte hörte, liess er uns lächelnd ein und meinte auch, dass wir wieder zu ihm gehen könnten, falls alle Tore geschlossen wären und das Verlassen der Anlage ein Problem wäre.

Nun konnten wir also unseren ehemaligen Garten ganz aus der Nähe anschauen und auch ein wenig in ihm herumspazieren. Die Beete sahen natürlich anders aus, aber das Haus war wirklich gut wiederzuerkennen. Halt einfach nicht mehr im Schuss. Mein Vater erklärte mir, wo früher was war, ich fotografierte eifrig. Es war schön, mit ihm hier zu sein. Vielleicht führten die Gedanken meinen Vater wieder zu den vielen glücklichen Stunden hier, vielleicht hörte er wieder das Lachen, wenn beim Feiern lustige Geschichten erzählt wurden. Ich weiss nicht, was mein Vater dachte und wie er sich fühlte, aber mir schien er zufrieden zu sein.

Nach einer Weile entschlossen wir uns dann, wieder zu gehen. Das vom netten Herrn am Telefon beschriebene Tor war tatsächlich offen, so dass wir ohne Hilfe wieder aus der Siedlung hinaus kamen. Mit dem Tram fuhren wir zurück und weiter Richtung Albisgüetli, wo wir in einem schattigen Gartenrestaurant etwas assen und auf weite Teile der Stadt blicken konnten. Nicht weit von diesem Restaurant bin ich die ersten sieben Jahre aufgewachsen, doch das ist eine ganz andere Geschichte.