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Noch einmal schöne Tage

Irgendwie erlebe ich den Herbst häufig so, dass ich absolut schöne Momente habe und diese fast nichts mit OL zu tun haben. Im Frühling zieht es mich wohl eher in den Wald, im Herbst habe ich dieses «Ziehen» wohl etwas weniger häufig. Wie dem auch sei, ich durfte drei tolle Wochenendtage verbringen, und wie erwähnt, spielte der OL bei mir selber nur eine Nebenrolle. Nicht aber bei Florian.

Am Freitag reiste ich zusammen mit meinem Vater nach Chur. Wir sehen uns ja alle zwei Wochen, meistens in Chur, doch es kommt vor, dass wir andere Pläne haben. Einmal waren wir ja in Zürich im Schrebergarten, nun war Schaffhausen dran. Auch dabei ging es vor allem um seine Geschichte, doch auch ich spielte eine ganz kleine Rolle dabei.

Wir trafen uns im Hauptbahnhof Zürich und reisten die knapp vierzig Minuten gemeinsam. In Schaffhausen nahmen wir dann den Bus, welcher uns zum Waldfriedhof führte. Bevor wir das Grab meiner Grosseltern besuchten, kauften wir in der Stadtgärtnerei noch einen Blumenstock. Natürlich konnte ich es nicht lassen, der Verkäuferin zu erzählen, dass mein Vater vor 81 Jahren im Friedhof zur Welt kam. Ich liebe es immer, die erstaunten Gesichter meines Gegenübers zu sehen. «Was, ihr Vater kam in einem Friedhof zur Welt?» Jawohl. Und zwar nicht in irgendeinem, sondern im Waldfriedhof von Schaffhausen. Der Grund ist simpel: Mein Grossvater war Friedhofsgärtner und bewohnte mit Frau und Söhnen das Pförtnerhaus. Der Friedhof war für Vater und Onkel auch Spielplatz. Also im weitesten Sinne. Die beiden gruben weder Skelette aus, noch spielten sie hinter den Grabsteinen Verstecken. Aber Seifenkistenrennen auf den Wegen fanden durchaus statt.

Mit dem Blumentopf in der Hand spazierten wir dann durch den Waldfriedhof zu den Gräbern und legten den Topf an die Stelle, wo in etwa die Urnen meiner Grosseltern liegen. Ich mag den Waldfriedhof, weil er viel Platz hat, noch mehr Bäume (deshalb ja das Wort «Wald») und die Gräber perfekt in die Anlage eingebettet sind.

Eigentlich ist es mehr eine wunderschöne Parkanlage mit zum Teil herrlichen Grabumfassungen. Man sieht Sarkophage, Büsten, Tore, Türme und was weiss ich nicht alles.

Mein Vater und ich spazierten kreuz und quer durch den Friedhof und ich kam in den Genuss mancher Erzählung, die sich an den jeweiligen Orten abgespielt hatte. Immer ein spezieller Ort für mich sind die halbkreisförmig angelegten Gräber der Opfer der Bombardierung von Schaffhausen vom 1. April 1944.

Diese Bombardierung ist nach wie vor sehr präsent bei den Einwohnern. Auch mein Vater erinnert sich gut an diesen Tag, an den Rauch, der ausserhalb seiner Schule vor ihm aufstieg, an die ausgestopften Tiere, die man versuchte, aus dem brennenden Museum zu retten, an die Mutter, die ihn verzweifelt mit dem Fahrrad suchen ging.

Nach dem Besuch des Waldfriedhofs und einem kleinen Imbiss gingen wir am Nachmittag zur Münsterkirche und zur «Schillerglocke». Bei dieser Glocke gab es am 29. September 1962 Fotos der Hochzeitsgesellschaft meiner Eltern. Ohne gross darüber nachzudenken, hatten wir für den Besuch von Schaffhausen just den Hochzeitstag ausgewählt. Was für ein besonderes Gefühl.

Bevor wir dann ins Museum zu Allerheiligen gingen, trafen wir meinen Onkel, welcher uns nun auch begleitete. Zu dritt erlebten wir danach eine wirklich imposante Führung. Herr Weibel, Kurator Natur und stellvertretender Direktor führte uns hinter die Kulissen des Museums. Wir stiegen Treppen hoch, gingen durch sonst verschlossene Türen, trafen plötzlich auf einen ausgestopften Eisbären....

....und fanden uns dann unter dem Dach in einem Raum wieder, welcher an den Wänden Steine, Fossilien, Mineralien und auch ausgestopfte Tiere hatte. Hier wurde geforscht und archiviert. Die Mineralien meines Grossvaters lagen für uns vorbereitet auf einem Tisch. Wir durften sie anschauen, und ich freute mich riesig, weil ich wusste, dass sie am richtigen Ort sind. Jeder Stein war neu beschriftet und hatte seinen Platz gefunden. Mein Entscheid vom Frühling, einen Teil der Sammlung, welche sich bis dahin in meinem Besitz befand, dem Museum zu schenken, war absolut richtig.

In einem zweiten Raum konnten wir sehen, wie die vielen Sammlungen (Geschenke und Vermächtnisse) aufbewahrt werden. Die unzähligen Schubladen waren gefüllt mit Ammoniten, Blattabdrücken, versteinerten Knochen und tausenden von Gesteinen und Mineralien. Was für eine Pracht. Und ein kleiner Teil dieser Pracht ist nun die Sammlung meines Grossvaters. Cool.

Ganz am Schluss der Privatführung durften wir noch das Kesslerloch besichtigen. Herr Weibel erklärte uns, dass man es nach wie vor so ausstelle, wie es schon vor vielen Jahren aussah, auch wenn es nicht mehr den heutigen Kriterien entspreche. Die Besucher würden es vermutlich vermissen. Auch mich freute es ungeheuer, diese Höhlenbewohnerszene so sehen zu können, wie ich es schon vor über vierzig Jahren konnte. Nur ein «Feuer» war neu dazugekommen. Ansonsten war es das Kesslerloch meiner Erinnerung. Wir liessen Herrn Weibel dann wieder zu seiner Arbeit zurückkehren und genossen noch die Gartenwirtschaft einer Beiz. Dort erfuhr ich dann per Whatsapp, dass Florian an der Weltcuplangdistanz in Grindelwald den hervorragenden 7. Platz erreicht hatte. Was für eine Leistung. Und ich war für einmal nicht nervös gewesen – Museum sei Dank! Und es kam noch besser, denn…

…..gestern war die Mitteldistanz. Diesmal war ich mit von der Partie, also als Zuschauerin. Zusammen mit Sereina und ihrer Kollegin Marlies fuhr ich am Mittag nach Grindelwald. Stefan hatte sich daheim eingerichtet und schaute im Internet und Fernsehen Florian zu. In Grindelwald war bei unserer Ankunft schon eine tolle Stimmung, das Frauenrennen bereits voll im Gang. Wir platzierten uns so, dass wir einerseits den Zieleinlauf (mitten im Dorf), andererseits die Grossleinwand (mit GPS und Bildern aus dem Laufgelände) bestens im Blick hatten. Florian startete erst noch, doch uns wurde nie langweilig. Wir feuerten die Läuferinnen und Läufer im Zieleinlauf an und konnten auf dem Bildschirm auch das Rennen im Wald mitverfolgen. Plötzlich war auch mein Jüngster unterwegs und wir konnten ihn live mitverfolgen. Es gab ein paar wirklich tolle Filmsequenzen von ihm aus dem Wald. Und was natürlich das schönste war…. seine Zwischenzeiten… überall vorne.

Bis zum Ziel, wo er von uns extra stark angefeuert wurde, behauptete er seine zwischenzeitliche Spitzenposition und durfte den bis dahin führenden auf dem «Siegerstuhl» ablösen.

Auf diesem Stuhl sass Florian dann eine ganze Weile, bis er gegen Schluss abgelöst wurde. Viele Plätze verlor er aber nicht. Im Gesamten wurde er fantastischer 5., ein absolutes Spitzenresultat. Dass er mit diesem Rang bei der Preisverleihung dabei sein durfte, war noch das Sahnehäubchen eines perfekten Tages. Chapeau.

Am Sonntag war dann noch die Sprintstaffel, an welcher Florian mit seinem Team den hervorragenden 6. Rang erlief. Ich denke, er wird mit dem Wochenende zufrieden sein. Ich bin es ja schliesslich auch!