Norwegen 2011

Als ich im 2011 meine dreimonatige Auszeig nahm, schrieb ich ziemlich fleissig für die Homepage. Die neue Seite wurde komplett neu aufgesetzt, alle alten Texte sind verschwunden. Ein paar davon möchte ich aber wieder hervor holen, einer davon ist die Zusammenfassung meines Norwegen-Abenteuers. Mittlerweile habe ich meine Geschichte auch als Buch an ein paar liebe und treue Freundinnen und Freunde gegeben. Wer dieses nicht hat, es auch nicht will (man müsste es bestellen, denn jedes Buch ist eine Einzelanfertigung), kann nun meine Erlebnisse hier noch einmal nachlesen. Diesmal ist der älteste Beitrag zuoberst, damit bequem gelesen werden kann. Viel Spass!

 Eventyret begynner – das Abenteuer beginnt 

Es wird langsam ernst. In neun Tagen beginnt meine Reise nach Norwegen. Ich fühle, wie es überall schon kribbelt und die freudige Unruhe zunimmt. Gestern hatte ich meinen letzten Arbeitstag bei der Schlichtungsbehörde. Es ist gut so. Woher ich allerdings den Mut nahm, einen sicheren Arbeitsplatz zu künden und die Zukunft offen zu lassen, weiss ich nicht. Ich glaube, im Moment brauche ich das auch nicht zu wissen. 

Jetzt freue ich mich auf drei spannende Monate in einem wunderschönen Land. Wo ich im Mai wohnen werde, weiss ich ziemlich gut. Familie Mårtenson in Vikersund wird mich an ihrem Alltagsleben teilnehmen lassen. Schon jetzt herzlichen Dank für die Gastfreundschaft. Im Juni hoffe ich dann, irgendwo in Kongsberg Unterschlupf und nette Leute zu finden und vor allem auch aktiv am OL-Leben teilnehmen zu können. Den Juli verbringen Stefan und ich dann gemeinsam mit Reisen. Bis Sorreisa soll es gehen. Wir werden viele Wälder und Fjells durchstreifen und auch einige Wettkämpfe bestreiten. Und weiter denke ich im Moment nicht. 

Nun heisst es planen, packen, organisieren und delegieren, der Rest kommt dann von allein. 

Noch zwei Tage…. es wird immer ernster. Vor einem Jahr noch war der Gedanke ein blosses Spiel, ein „es wäre ja schön wenn…“. Vor ein paar Monaten ging das Spiel gemächlich weiter, „schön ja, aber…“ jetzt ist es so weit. 

Am Karfreitag fahre ich, respektive fahren wir los. Stefan begleitet mich mit dem Auto bis nach Vikersund und fliegt am Dienstag zurück. Ich bin froh, der Abschied von zu Hause wird so etwas gestückelt, hoffentlich einfacher gemacht. Heute werde ich Florian auf Wiedersehen sagen, er reist am Abend in die Innerschweiz in ein Lager. Am Freitag kommen dann Thomas und Sereina dran, nicht zu vergessen Findus, mein so anhänglicher Kater. 

Trotz aller Nervosität freue ich mich sehr auf die nächsten drei Monate. Es wird spannend, nicht immer einfach, aber immer lehrreich. Am Samstag, wenn wir dann gegen Abend in Vikersund einfahren, wird es die erste Aufgabe sein, das Haus meiner Gastfamilie zu suchen. Wir haben Wegbeschreibungen auf Norwegisch bekommen und hoffen, sie richtig interpretiert zu haben. Auf jeden Fall liegt das Ganze auf einer OL-Karte, das ist doch schon einmal ein guter Anfang. Stefan auf jeden Fall ist hin und weg. Am liebsten würde er wohl schon kurz nach der Ankunft in den Wald stürzen. Ich denke, ich lasse es gemütlicher angehen. 

Im Moment bin ich am Überlegen, was alles für drei Monate in die Koffer muss und was getrost zu Hause bleiben kann. Logistisch gesehen ist das gar nicht so einfach, mir fehlen eindeutig die Erfahrungswerte. Vermutlich werde ich zu viel mitnehmen. Eine Kiste ist bereits voller Bücher…. 

Viel Schokolade und Käse ist in einer zweiten Kiste, dies haben sich Mårtensons gewünscht. Nach Kongsberg werden ein paar Flaschen Fonduewein gebracht. 

Sonst ist noch nicht viel geschehen, also nichts wie ran an den Kleiderschrank und los mit der Plünderung!

 

Samstag, 24. April 2011 

Der erste „richtige“ Tag in Norwegen ist schon fast zu Ende, es gibt bald Abendessen. Begonnen hat es heute sehr spät… Herrjeh, gleich den ersten Tag zu verschlafen…aber, wir hatten das Ausschlafen ziemlich nötig. Neunzehn Stunden im Auto hängen ganz schön an, vor allem, wenn man nicht mehr so ganz junge Knochen hat.

Abgefahren sind Stefan und ich am Karfreitag-Abend, um fünf Uhr. Am Morgen gab es noch einen zünftigen Abschiedsbrunch mit der Familie. Thomas und Sabine kamen vorbei, Sereina stand extra fürs Frühstücken auf, einzig Florian zog es vor, im Muotathal Velorunden zu drehen.

Nach hunderten von Ermahnungen ging es dann los. Die Fahrt durch Deutschland verlief erstaunlich gut. Trotz einigen Baustellen gab es nicht einen einzigen Stau. Das hatten wir noch nie. So waren wir bereits nach neun Stunden ganz oben und nahmen die erste Fähre hinüber nach Dänemark. Die Fähre war nicht sehr besetzt, die Überfahrt ziemlich wellig. Während wir Dänemark durchfuhren, begann es bereits hell zu werden. Um sechs Uhr befuhren wir dann auch schon schwedisches Terrain, der anbrechende Tag versprach viel Sonnenschein und Wärme. Da die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf Schwedens Autobahnen nicht sehr hoch ist, zuckelten wir gemütlich gegen Norden zu. An der Grenze zu Norwegen holte man uns dann aus der Kolonne heraus, das war die einzige Wartezeit der ganzen Reise. Als wir brav angegeben hatten, dass wir nach Vikersund wollten, liess man uns weiterfahren. Ein junger Slowake hatte weniger Glück, er musste seinen Kofferraum öffnen. 

Bereits kurz nach Mittag erreichten wir meinen ersten Aufenthaltsort, Flannumshaugen, ca. vier Kilometer ausserhalb der Ortschaft Vikersund. Da wir wussten, dass die Familie Mårtenson auf der OL-Karte Flannumsmarka lebt, war es einfach, ihr Haus zu finden. Hege, meine Gastgeberin wartete bereits im OL-Dress auf uns. Das fing ja vielversprechend an. Nach dem ersten Kennenlernen durfte ich meine „kleine Hütte“ beziehen. Was hier so genannt wurde, ist in Tat und Wahrheit ein stattliches Haus, mit Fitness- und Partyraum und eigener Sauna. Und wunderschön gelegen. Von meinem Zimmer aus sehe ich direkt in meinen zukünftigen Trainingswald… 

Natürlich mussten Stefan und ich schon am ersten Tag die OL-Kleider anziehen und den Wald erkunden. Wir kannten ihn bereits ein wenig von einem Training im letzten Mai, waren aber trotzdem von ihm beeindruckt. Viel Moos, lichte Hügel, felsige Partien und zum Teil ziemlich ruppig. Nach rund achzig Minuten spazieren waren wir ziemlich müde. Der Abend fiel dementsprechend kurz aus: etwas Lachs essen und dann nur noch schlafen. Im Moment sind wir noch Selbstversorger, da Mårtensons, beziehungsweise der Teil der Familie, welcher überhaupt hier ist, mit der Verwandtschaft Ostern verbringt. 

Heute waren eigentlich nur zwei Dinge angesagt: langes Ausschlafen und langes Trainieren….Und morgen geht es an den ersten Wettkampf, zum Glück findet er erst am Nachmittag statt.

 

Mittwoch, 27. April 2011 

Kaum bin ich so richtig allein hier, vergesse ich prompt, zu schreiben. Tja, Norwegens Wälder lassen irgendwie alles andere in weite Ferne verschwinden… Und dabei konnte ich schon einiges erleben. 

Am Montag fuhren Stefan und ich wie schon erwähnt an einen Wettkampf, nach Hønefoss an den „Ringerikskarusellen“. Dies ist ein sehr einfach organisierter, sympathischer Anlass mit rund vier verschiedenen Bahnen. Stefan lief natürlich die lange Strecke, ich eine etwas kürzere. Der Wald war auf meiner Bahn praktisch flach, so dass Kompassarbeit gefragt war. Ich fand alles auf Anhieb und war natürlich mächtig stolz auf mich. Stefan machte ein paar kleinere Zusatzbögen, allerdings hatte er einen grossen Teil der Bahn in ziemlich hügeligem Gelände.

Am Abend waren wir zum Nachtessen bei Hege und Tochter Anna sowie Sohn Erik eingeladen. Die Familie Mårtensson war nicht vollzählig, ein Teil war bis gestern in Irland. Beim Nachtessen lernten wir Heges Eltern kennen, sie wohnen im Nachbarhaus und sind sehr sympathisch. 

Gestern gab es dann sehr früh Tagwach. Um fünf Uhr klingelte mein Wecker, eine Stunde später sassen Stefan und ich bereits im Auto Richtung Gardermøen. Ich musste mich dort von Stefan verabschieden, er flog zurück in die Schweiz. Von Gardermøen aus fuhr ich dann zu meiner ersten Wanderung. 

Ich hatte die Nordmarka im Visier und wollte etwas auf „meines Vaters Spuren“ wandeln. Vor genau fünfzig Jahren lebte mein Vater nämlich ein Jahr in Oslo und machte an den Wochenenden zu Fuss die Nordmarka unsicher. Ich denke, fünfzig Jahre später durfte sich ruhig wieder ein Mitglied der Familie dort hinein wagen… 

Mein Ziel war der Ringkollen bei Hønefoss. Mit dem Auto ging es etwas in die Gegend hinein, danach musste ich zu Fuss weiter. Gut ausgerüstet mit Gummistiefeln und einer Flasche Sirup im Gepäck machte ich mich auf die Wanderung. Bisher liess ich immer Stefan entscheiden, wo wir durchgehen wollten, so war es schon etwas speziell für mich, alles allein zu entscheiden. Ja, ja, man ist ein bisschen bequem. 

Schon der Anfang war also gar nicht so leicht. Sollte ich gleich etwas in die Höhe steigen oder besser dem breiten Weg entlang, damit ich mich nicht verlaufe? Ich entschied mich für die Höhe, denn ich wollte etwas Aussicht geniessen. So folgte ich einem Winterweg, respektive den wenigen Schneeresten. Anfänglich war es noch nicht das Highlight an Gelände, doch als ich dann „oben“ ankam, war es traumhaft schön. So müssen norwegische Fjells aussehen: immer wieder mit Sümpfen durchsetzt, nasse Wanderwege wo immer man geht, Trollgras, viele Steine und kleine Bäume, offenes Gelände. 

Wäre ich nicht fast als erstes auf eine riesige, schwarze eklige Schlange getreten (es war eine mindestens zehn Meter lange und zwei Meter breite Kreuzotter), wäre ich wohl nur noch träumend durch die Gegend gewandert. Die Schlange riss mich jedoch sehr heftig in die Gegenwart zurück.  Achtung, hier hat es wilde Tiere.  So war von nun an aufmerksam genug, keine Abzweigungen zu verpassen und fand nach vier Stunden Geniessen tatsächlich mein Auto wieder. 

Und, natürlich fand ich Vaters Fussstapfen, mindestens fünfzig Jahre alte Stiefelabdrucke in den Schneeresten, die mussten einfach von ihm sein, oder? 

Zu Hause war ich dann ziemlich müde und nicht mehr zu viel fähig. Ich lernte zwar noch Jörgen Mårtensson, den Sohn Henrik und die Tochter Heidi kennen, sowie Morten Berglia (hier wimmelt es offenbar von ehemaligen OL-Weltmeistern), aber ich konnte mich nicht mehr auf ein schwedisch-norwegisches Gespräch konzentrieren und ging früh zu Bett. 

Nach elf Stunden Schlaf fühlte ich mich dann fit genug für den heutigen Tag. Ich hatte Hege versprochen für sie die Wäsche zu waschen und somit am Morgen genug zu tun. Zudem fuhr ich nach Vikersund, um ein paar Einkäufe zu tätigen. Praktisch in jedem Geschäft verwickelte ich die armen Einheimischen in Gespräche und demonstrierte meine Norwegisch-Kenntnisse. Irgendwie fanden alle Gefallen an meinem Gestotter, warum auch immer. Auf jeden Fall waren die Leute nett und halfen mir, wenn ich Fragen hatte. 

Am Nachmittag bekam ich Besuch von OL-Läufern aus Weissrussland. Sie blieben bis zum Abend bei mir. Wir trainierten etwas zusammen und hatten es noch ganz nett. Nun sind sie weitergereist, da sie am Wochenende in Schweden OL machen wollen. 

Morgen werde ich wieder etwas trainieren und dabei immer an meine Gegnerinnen in der Schweiz denken. Die werden bei meiner Rückkehr wohl nichts mehr zu lachen haben!

 

Sonntag, 1. Mai 2011 

Heute, am Tag der Arbeit und am 22. Geburtstag von Thomas (Happy Birthday!) lief ich meinen ersten „richtigen“ Wettkampf in Norwegen. Die Trainings zählen ja nicht wirklich – ich bin noch ganz froh darüber…. 

Am Donnerstag hatte ich eher einen gemütlichen Tag. Erst gegen Mittag raffte ich mich zu einem Spaziergang in die Flannumsmarka auf. Meine Terrasse ist einfach eine zu grosse Verlockung. Und mein spannendes Buch von Dan Brown „Das verlorene Symbol“ ebenfalls. Nun denn, ich wollte meine Beine etwas bewegen und marschierte mit Karte und Kompass los. Natürlich konnte ich es nicht lassen und peilte ein paar noch von Stefan gesetzten Posten an. 

Ich hätte es wohl besser nicht getan, denn aus dem Anpeilen wurde ein „An-eiern“, ich fand trotz Gehtempo keine Markierung auf Anhieb. Aber – ich hatte ja am Abend die Gelegenheit, alles auszumerzen und besser zu machen – dachte ich. Gegen fünf Uhr fuhr ich denn auch in Kongsberg ein und besuchte Jörg und Pirio Luchsinger. Pirio war so nett, mich an ein Training ihres Clubs mitzunehmen. Dieses fand in Sagrenda, am Fusse des Knutefjells statt und versprach interessant zu werden. 

Das Training war wirklich spannend, doch orientierungsmässig war es wohl nicht mein Tag. Wie schon am Mittag flogen mir die Posten nicht so entgegen, wie ich es mir gewünscht hätte. Am Anfang war es noch ziemlich gut, was ich machte, doch zwei grosse Suchaktionen verhinderten eine vordere Platzierung. Ich sage nun nicht, wo man die Rangliste des Trainings finden könnte…. 

Schön war es allemal und ich fuhr trotzdem zufrieden nach Vikersund zurück. Am nächsten Tag nahm ich allerdings die gleiche Strecke wieder unter die Füsse, respektive unter die Räder. Ich wollte Claudia Kasin, eine „ausgewanderte“ Churerin besuchen. Claudia lernte ich letztes Jahr am Pinseløpet kennen und wir merkten dort, dass ich dafür ihre Schwester aus der Jugendzeit kenne. Die Welt ist manchmal klein. 

Der Tag in Kongsberg war toll, allerdings darf ich kaum aufschreiben, dass ich die ersten Stunden gemeinsam mit Claudia vor dem Fernseher sass und die königliche Hochzeit in England verfolgte. Dazu müsste man ja nicht unbedingt nach Norwegen fahren, aber ich liebe royale Hochzeiten nun mal sehr. Und wenn dies mein einziger Spleen ist, steht es ja noch nicht so schlimm um mich. Claudia zeigte mir dafür nachher viele wunderschöne Ecken in Kongsberg, diese Stadt ist wirklich hübsch und sehenswert. 

Am Samstag arbeitete ich fleissig im Flannumsahugen in Vikersund und war froh, endlich einmal etwas für meine Gastgeber tun zu dürfen. So ging dieser Tag fast ohne Training über die Bühne. Einzig am Abend joggte ich eine knappe Stunde. Zu viel durfte es nicht sein, denn heute war, wie schon geschrieben, mein erster richtiger Wettkampf in Norwegen. Ich fuhr an den Åpningsløp" in Grønvoldmoen, etwas weiter als Hønefoss. 

Man musste sich vorher anmelden, und so wusste ich, dass ich um 12.24 Uhr starten durfte. Die Karte war sehr, sehr klein und zum Teil sehr, sehr grün. Und vor allem sehr, sehr flach. Es gelang mir, gleich am Anfang zwei Fehler zu machen, so dass ich von den hinter mir gestarteten Konkurrentinnen locker überholt wurde. Dafür war ich nachher allein und konnte den Wettkampf so richtig geniessen. Auch die ganze Atmosphäre war toll. Der Veranstalter hisste eigens für mich nebst der norwegischen und schwedischen Fahne auch noch eine kleine Schweizerfahne. 

Im Ziel durfte ich auf ein Foto mit Egil Iversen (dritter an der OL-WM 1985 in Australien) und erhielt ein wunderschönes Büchlein mit Widmung des Verfassers geschenkt. Wenn das nicht norwegische Gastfreundlichkeit ist. 

Nun ist schon mehr als eine Woche hier in Norwegen vergangen, ich fühle mich wohl hier.  

 

Donnerstag, 5. Mai 2011 

Auf eindringlichen Wunsch meiner begeisterten Leserschaft schreibe ich heute wieder ein paar Zeilen, auf dass auch ja niemand auf die Idee kommen könnte, mich im hohen Norden zu vergessen; so à la „aus den Augen aus dem Sinn“. 

Mir geht es immer noch gut. Gerade heute holte ich meine norwegischen Lieblingswörter „å slappe av“ hervor und tat – nichts. Es gibt eine tolle Homepage, welche übrigens Wörter vom Norwegischen ins Deutsche übersetzt oder umgekehrt (www.heinzelnisse.info). 

Abgesehen von heute war ich diese Woche aber ganz fleissig. Am Montag zum Beispiel unternahm ich eine Wanderung ins Hovlandfjell. Fjell heisst auf Norwegisch eigentlich Berg, aber ich lernte von einer einheimischen Holländerin, dass mein Fjell bloss ein kleiner Hügel sei. Nichtsdestotrotz fuhr ich hinauf. 

Von früheren Besuchen her wusste ich, dass der Einstieg in das „Hügelfjell“ von den Vikersund’schen Sprungschanzen aus zu finden ist. Wir hatten letztes Jahr Mühe, ihn zu finden, diesmal klappte es auf Anhieb und ich klopfte mir zufrieden auf die Schulter. Leider zu früh. Irgendwann verlor ich die direkte Strasse ins Fjell und blieb in einem Schotterweg stecken. Also, alles wieder retour und neu versuchen. Ich gebe es nicht gerne zu, aber ich benötigte drei Anläufe, um meinen angepeilten Parkplatz zu finden. Schande über mich. Dafür war die Wanderung wunderschön. 

Das Wetter spielte mit, die Flora war schon frühlingshaft fortgeschritten, das Umhergehen über Stock und Stein ein wahrer Genuss. Ich war schon einige Male in diesem Abschnitt des Hovlandsfjells, aber er verzauberte mich erneut. Immer wieder musste ich stehen bleiben und die Natur um mich herum bestaunen. Ich weiss, dass ich mich wiederhole, aber ich liebe dieses Bild von Steinen, Hügeln, Sümpfen, Büschen und Bäumen einfach sehr. Im Gegensatz zu meiner ersten Wanderung trat ich auf keine Schlange und versank in keinem Sumpf. Leider zeigte sich auch diesmal nirgends ein Elch. Er hätte ein so schönes Fotosujet abgegeben. Nun denn, es gab gute Fotos auch ohne Elch. 

Am Dienstag hatte ich es dann fast ein wenig streng. Bereits am Morgen bereitete ich das Mittagessen für meine Gastfamilie vor. Wobei das Mittagessen hier irgendwann am Nachmittag stattfindet. Anyway, es war auf jeden Fall bereit. Kurz vor Mittag holte mich Hege ab und wir setzten gemeinsam in Vikersund ein paar OL-Posten für einen Schüler OL. Die Posten waren sehr einfach, so dass ich meinen Teil ohne Mühe setzen konnte. Am Nachmittag kamen dann einige Schüler der oberen Klassen und liefen je nach Lust und Laune eine kurze oder eine etwas längere Bahn. Die Schüler waren motiviert, es war eine Freude, ihnen zuzuschauen. 

Auch kamen viele ganz junge Schüler vorbei und wollten wissen, was wir hier tun. Ich versuchte so gut es ging, den Orientierungslauf auf Norwegisch zu erklären und glaube sogar, dass die Kleinen mich verstanden haben. Sie redeten auch pausenlos auf mich ein, da war es dann mit dem Verstehen nicht mehr so weit her. Es war eindeutig zu schnell. Aber, es machte riesen Spass. 

Nach dem Kurs gab es dann „mein“ Mittagessen, die Feuertaufe war bestanden. Gegen Abend fuhren Hege und ich sofort wieder los. Dienstag ist Trainingstag vom hiesigen OL-Club. Dieses Clubtraining wurde von Jörgen organisiert. Da es gleichzeitig auch die clubinterne  Sprintmeisterschaft war, erwarteten wir einige Läufer. Hege war für die Anmeldung und Auswertung zuständig, ich selber durfte nach nur wenig helfen auch laufen. Tja, was soll ich zu einem Sprint sagen, der bei mir 36 Minuten dauerte? Vermutlich nur, dass ich wohl schneller rennen sollte. Viele hatten nicht mehr als 20 Minuten. Ich war ziemlich unsicher auf der Karte und schlich wohl mehr durch den Wald als ich rannte. Die Posten fand ich nämlich alle gut. 

Um mehr Sicherheit bei der Postensuche zu bekommen, entschloss ich mich gestern, ein bisschen in einem Nachbarwald zu trainieren. Um dahin zu kommen, musste ich zuerst rund eine Stunde durch „meinen“ Wald, die Flannumsmarka spazieren. Ich begann bereits da mit dem Kartentraining und visierte immer wieder markante Objekte an. Bis dahin lief es also gut… noch. Sobald ich auf der zweiten Karte war, kam mit voller Wucht meine Unsicherheit hervor. Die Karte war ziemlich alt, einiges, vor allem Kahlschläge und Dickichte, stimmte nicht mehr, und ich liess mich davon sehr beeindrucken. Es dauerte lange, bis ich mutig genug war, meine OL-Schuhe anzuziehen und noch etwas im Wald herum zu rennen. 

Ich suchte mir extrem gut erkennbare Objekte aus, damit ich diese wirklich nicht verfehlen konnte (Seen, Wiesen, Felsen etc), aber, ich hatte zum Teil schon Mühe, die Wegspuren nicht zu verlieren. Alles in allem war es nicht sehr aufbauend. Der Wald war auch grosszügig mit Kahlschlägen versehen, so dass das Rennen fast unmöglich war. Einzig rund um die Seen war es schön. Mit unsicher sein, suchen, wandern und rennen war ich trotzdem insgesamt vier Stunden unterwegs und am Abend ganz schön müde. Deshalb auch mein Entscheid für heute: å slappe av. 

Morgen werden die Beine dann wieder mehr gebraucht.  

 

Montag, 9. Mai 2011 

Nach einem wirklich gemütlichen Donnerstag habe ich mich am Freitag dann wieder etwas bewegt, allerdings nur ganz sachte, die Beine waren irgendwie noch nicht sprintbereit. Ob das wohl am Alter liegt? Wie dem auch sei, ich fuhr gegen Mittag (vorher muss man nun wirklich sehr, sehr lange ausschlafen) zum Brunesmoane. Der Brunesmoane ist ein Wald etwas ausserhalb von Vikersund. Ich verliebte mich bereits vor sieben Jahren in ihn und musste einfach wieder einmal durch ihn durch rennen. Der Wald ist grösstenteils flach wie ein Fussballfeld, allerdings hat er im Gegensatz zum Fussballfeld tausende von Heidelbeerbüschen, über die man schweben sollte, falls man könnte. Ich konnte nicht.

Da der Frühling hier in Norwegen viel früher eingezogen ist, als er hätte dürfen, sind die Heidelbeerbüsche schon in voller Blüte. Das heisst, sie sind noch ruppiger als ohne Blätter und Knospen. Aber, dem Brunesmoane verzeiht man sogar dies. Der Wald ist einfach fantastisch. Und – er beherbergt Elche. Vor sieben Jahren konnte ich sie sehen und fotografieren. Diesmal zeigte sich leider kein einziger, es war wohl zu warm.

Mir eigentlich auch, und so beendete ich nach einer Stunde mein lockeres Jogging. Es war schön, ich fühlte mich erholt und belohnte mich mit einem Einkaufsbummel durch Vikersund. Es war in dem kleinen Städtchen einiges los, denn die Hauptgasse war für den Verkehr gesperrt und dafür mit kleinen Marktständen belegt. Markttag in Vikersund. Das liess ich mir nicht entgehen. Mit meiner Beute zog ich dann zufrieden von dannen.

Gegen Abend wurde ich von Laila abgeholt. Laila kommt eigentlich aus Bergen, wohnt aber mit ihrer Familie in Vikersund. Sie arbeitet in der psychiatrischen Klinik Modum Bad. Und diese Klinik durfte ich besichtigen. Offenbar ist die ganze Klinik von Schweizer Gedanken inspiriert und das sollte ich mir anschauen. Ich war sehr erstaunt, überhaupt nichts in Richtung Spital oder Psychiatrie zu sehen sondern eher eine Ansammlung von niedlichen kleinen Häusern auf einem grossen, waldumzäunten Gebiet. Und genau diese Häuser sollten aussehen wie solche bei uns in der Schweiz. Ich musste schmunzeln, denn ich glaube nicht, dass wir auch nur eines irgendwo hätten. Laila erklärte mir, dass vor allem die Balkone und die daran angebrachten Verzierungen typisch schweizerisch seien. Aha, etwas gelernt…

Die Philosophie oder eine der Philosophien der Klinik hat mich besonders beeindruckt. Man hat herausgefunden, dass sportliche Aktivitäten wichtig für die Seele sind, und so baut man dies in jede Therapie mit Erfolg ein. Es wird gejoggt, gewalkt, geritten und vieles mehr. Ein kleiner Waldweg wurde zum Poesieweg umgestaltet, überall kann man inne halten und Gedichte lesen. Wirklich sehr schön und nachahmenswert. 

Ich war gut fünf Stunden mit Laila unterwegs, unterhielt mich fleissig auf Norwegisch mit ihr. Am Abend war ich dann nur noch platt. Mein Kopf war leer. 

Am Samstag war ich aber schon wieder fit für die nächste Tat. Ich durfte an einer Konfirmation helfen, das heisst, vor allem in der Küche. Das Essen fand zu Hause statt, und dieses zu Hause war eine Wucht: ein Haus, mitten im Wald. Was will man noch mehr? Den ganzen Nachmittag wusch ich kräftig Geschirr ab und hatte immer wieder Zeit, mit den Gästen zu plaudern. Da die Leute aus einigen Ländern kamen, so aus Schweden, Finnland, Holland, der Schweiz und natürlich Norwegen, wurden es spannende und gute Gespräche. Mir hat es sehr gut gefallen. 

Am Sonntag dann konnte ich endlich wieder einmal an einem OL zeigen, was ich drauf hatte. Tja, nicht so viel, wie sich am Ziel herausstellte. Ich war ziemlich unkonzentriert, suchte überall Elchspuren und fand die Posten dafür nicht immer auf Anhieb. Dabei war der „Hvitebjørn ein sehr schöner Wald, so richtig Norwegisch, wie man es liebt. Aber meine Zeit kommt schon noch! 

Dafür war das Ziel, direkt an einem Fjord südlich von Oslo ein Traum, der Kuchen fantastisch und das Wetter herrlich. Für mich halt einfach noch nicht herrlich genug, um den Sprung ins eiskalte Wasser zu wagen. Die Norweger hatten da weniger Mühe… Ich zog es vor, nach dem Lauf hinauf zum Holmenkollen zu fahren und zu schauen, wie die Schanze ohne Schnee aussieht. Und ich sah sieh, gross, hoch, imponierend und irgendwie nackt. Sie erinnerte mich an das Skelett eines Dinosauriers, falls es überhaupt so grosse Dinos gab. Aber, ich war beeindruckt und konnte mir einmal mehr nicht vorstellen, dass da auch nur einer freiwillig hinunter fährt und sich durch die Luft katapultieren lässt. Ich bin froh, OL-Läuferin geworden zu sein. 

Auf dem Holmenkollen lebt der „Kollentroll“, den ich auch noch besuchte. Vor sieben Jahren war er mehr oder weniger in den Bäumen versteckt, nun sieht man ihn schon von weitem. Dafür hat er direkten Sichtkontakt zur Schanze, was für einen Troll sicher auch ganz schön ist. Wer mehr vom Kollentroll wissen möchte, er hat eine eigene Homepage: http://www.kollentrollet.no

Heute dann war wieder einmal Wandertag. Noch einmal ging es in die Nordmarka. Da der Schnee extrem schnell schmilzt, wird es immer schwieriger „meines Vaters Fussstapfen“ (die vor fünfzig Jahren entstanden sind) zu finden…. Die Wanderung war toll, das Wetter noch wärmer als gestern. Vier Stunden war ich unterwegs und genoss die Natur um mich herum. Es soll bloss niemand fragen, wie oft ich mich verfahren habe, um endlich zum Ausgangspunkt zu gelangen. Ich sage es niemandem!

 

Montag, 16. Mai 2011 

Ich merke es, in einer Woche geschieht enorm viel. Vor allem, wenn man zwischenzeitlich keine Notizen macht… Ich werde mich bessern.

Nach der Wanderung vom Montag, war der Dienstag fast schon ein Ruhetag. Am Morgen tat ich nicht viel, der Nachmittag hätte ein Zwilling des Morgens sein können. Alles in allem war ich sehr ausgeruht und fuhr zu einem Training nach Kongsberg. Dieses fand auf der Karte „Heistadmoen“ statt. Langsam sollte ich wohl versuchen herauszufinden, was dieses „moen“ heissen könnte. Hier ist ja alles irgendwie „moen“.

Der Wald war für mich ziemlich anspruchsvoll, aber ich lief ein kontrolliertes Rennen (mit angezogener Handbremse, wie immer) und fand die Posten fast auf Anhieb. So war ich denn auch mit meiner Leistung zufrieden, klopfte mir mangels Alternative ein paar Mal kräftig selber auf die Schulter und fuhr wieder nach Hause. Eigentlich wäre ein gemütlicher Abend geplant gewesen, doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Um zehn Uhr stürmte Hege zu mir herein und rief, ich solle sofort mitkommen, sie habe einen Elch gesehen. Ob ich wollte? Ich wollte. Obwohl nur mit dem Pyjama bekleidet rannte ich Hege nach und liess mich von ihr zu einer nahe gelegenen Wiese chauffieren, um ihn dann endlich zu sehen: den ELCH! Das putzige Tierlein stopfte friedlich Grasbüschel in sich hinein und kümmerte sich einen Deut um die aufgeregte Schweizerin, die sich nicht satt sehen konnte. Schade war es doch schon zu dunkel, ich habe keinen fotografischen Beweis dieses einzigartigen Erlebnisses. Es gibt in der Schweiz auch einige ganz fiese Zweifler…. Nun denn, den ersten Elch habe ich gesehen, es werden weitere Folgen! 

Der Mittwoch glich dem Dienstag wie ein Ei dem andern, ich tat nicht viel. Über Mittag joggte ich etwas im Wald herum. Am Abend war ich dann beim hiesigen OL-Verein dabei und sah zu, wie sie hier die Anfänger mit dem Orientierungslauf bekannt machen. Das „Training“ fand auf einer sehr, sehr kleinen Insel grad bei Vikersund statt. Einer der Leiter erklärte mir, dass diese Insel noch ganz brauchbar für Anfänger sei, es könne niemand verloren gehen, ausser, man würde davon schwimmen. Ich war beeindruckt. Inseln wären ab und zu ganz gute Babysitter oder so. 

Dann kam der Donnerstag, der Beginn meiner „geheimen Mission“. Ich musste mich sehr gut darauf vorbereiten und putzte erst einmal mein Häuslein sauber. Danach räumte ich alle meine Sachen in eine Ecke. Die Mission war ja geheim. Dann wartete ich lange und fuhr am Nachmittag mit dem Auto nach Gardermoen (richtig, das ist der Flughafen von Oslo, der aber sehr weit von Oslo entfernt ist). In Gardermoen liess ich mein Auto unter strenger Bewachung zurück. Nun hatte ich nur noch meine Füsse und das Flugzeug. Dieses benutzte ich dann auch und flog damit….in die Schweiz, nach Kloten. Etwas enttäuscht war ich bei dieser Reise, dass niemand, aber auch gar niemand meinen Pass sehen wollte. So geheim wollte ich eigentlich gar nicht reisen. Der Flug war angenehm und eigentlich extrem kurz. 

In Kloten nahm ich um 22.40 Uhr einen Zug nach Bern. Dort holte mich mein netter Sohn Thomas ab (Dir sei herzlich gedankt) und fuhr mich unerkannt nach Stettlen. Obwohl Mitternacht schon längstens vorbei war, warteten Sereina und Florian sowie Kater Findus auf mich. Es wurde eine herzliche Begrüssung, aber ich fand es komisch, daheim zu sein. So, als wäre ich nur zu Besuch, was ja auch stimmte. Am Freitag ging es dann mit der Gehimmission weiter.

Der Samstag gehörte dann ganz der Familie. Ich lud meine Kinderlein inklusive Thomas Freundin Sabine ins Restaurant Dentenberg ein, wo wir uns einen mächtigen Bauernbrunch zu Leibe führten. Manchmal finde ich es echt gemein, dass das Volumen meines Magens so klein ist. Ich schaffte nicht alles, was ich mir vorgenommen hatte zu essen.

Am Abend kam Stefan endlich aus seinen Ferien zurück und wir konnten kurz das Zusammensein geniessen. Es gab viel zu erzählen, von beiden Seiten.

Am Sonntag, früh um halb vier war dann das Aufstehen so ziemlich brutal. Da aber mein Flugzeug um sieben Uhr startete, konnte ich mich nicht noch einmal im Bett umdrehen und weiter dösen. Dieses holte ich dafür im Flugzeug nach. Ich habe die zwei Stunden komplett verschlafen. Stefan fuhr mich übrigens nach Kloten, sonst wäre ich nicht rechtzeitig angekommen.

In Gardermoen befreite ich als erstes mein Auto aus seiner bewachten Zelle und gemeinsam fuhren wir Richtung Oslo davon. Norwegen hatte mich wieder. Da es noch früh am Morgen war, als ich los fuhr, entschied ich mich, vor meiner Rückkehr noch etwas die Beine zu vertreten.

Ganz nahe bei Oslo liegt der Mariadalvannet. Dort wollte ich hin und von diesem See zum Sognsvannet spazieren. Den Sognsvannet kenne ich von einem früheren Besuch her. Leider entschied ich mich auch, die vorsorglich eingepackten Gummistiefel im Auto zu lassen. Ich hätte es wissen müssen, dass in Norwegen einfach alles, aber auch wirklich alles am Boden und im Wald nass ist. Nach wenigen Minuten waren meine Schuhe nass, ich lief tapfer weiter.

Der Sognsvann ist bei der Osloer Bevölkerung ein beliebter Ausflugsort und bei schönem Wetter nur so von Menschen überflutet. Am Sonntag war es herrlich leer dort, der regnerische Himmel hielt wohl die meisten von einem Besuch ab. Es gab dafür viele Jogger und Biker. Schade, hatte ich kein Trainingszeug dabei.

Auf dem Rückweg zum Auto merkte ich dann, dass auch eine Regenjacke von Vorteil gewesen wäre. Es goss zwar nur etwa fünf Minuten aus vollen Kübeln, aber die reichten aus, um mich ganz einzuweichen. So hatten also nicht nur meine Schuhe mit der Nässe zu kämpfen. Ist eigentlich noch ganz solidarisch.

Nass wie ich war, fuhr ich nach Hause und legte mich erst einmal schlafen. Geheimmissionen machen müde. Ich bin so etwas nicht mehr gewohnt….

Der Abend war dann auch dementsprechend ruhig und der Schlaf in der Nacht währte lange. Ich halte es im Moment problemlos zehn Stunden mit geschlossenen Augen aus. Das soll mir mal jemand nachmachen.

Heute war Ruhetag. Das heisst, ich arbeitete etwas für meine Gastfamilie, buk eine Apfelwähe (mit Schweizer Kuchenteig, weil es den in Norwegen nicht gibt und ich ihn über die Grenze schmuggelte) und ging etwas trainieren. Rund eineinhalb Stunden trabte ich locker durch den Wald und genoss die immer höher und grüner werdenden Heidelbeerstauden. Nun hängen bereits die Beeren daran und müssen nur noch reifen. Wenn das so weit ist, werden meine Trainings wohl endlos lang und ich werde mit blauen Händen und einem blauen Mund zurück kehren. Mir solls recht sein.

Morgen ist Norwegischer Nationalfeiertag, den ich hier mit meiner Gastfamilie feiern werde. Ich freue mich darauf, doch darüber schreibe ich ein anderes Mal.

 

Donnerstag, 19. Mai 2011 

Meine Vorfreude auf den 17. Mai 2011 war nicht vergebens. Ich durfte zusammen mit hunderten von Norwegern einen herrlichen Nationalfeiertag bei schönem, mildem Wetter verbringen. Die Stimmung war einzigartig, alle hatten sich herausgeputzt und waren bestens gelaunt. Sogar die Kleinen, die man in Anzüge oder Trachten gesteckt hatte, schienen von diesem besonderen Feiertag erfasst und trugen fast schon mit Stolz ihre Festtagskleider. Obwohl am Schluss des Tages sicher die eine oder andere kleine Tracht oder der eine oder andere kleine Anzug mit Schokoladeresten, Puddingresten oder Eisresten übersät war. Was solls, ein Jahr sollte reichen, um alle Festtagsspuren zu beseitigen….

Eigentlich sollte „mein“ 17. Mai bereits um acht Uhr beginnen. Meine Gastfamilie hat mir angeraten, mich dann vor den Fernseher zu setzen und die verschiedenen Einspielungen aus allen Teilen Norwegens mit Musik, Tanz und Ansprachen anzugucken. Nun, ich wusste gottlob nicht, wie der Fernseher funktioniert (ich habe immer so gute Ausreden) und konnte so getrost länger ausschlafen.

Um Viertel nach neun war ich dann doch bereit für den Tag, allerdings fühlte ich mich in meinen normalen Jeans und Pulli ziemlich falsch gekleidet. Hätte ich doch nur meine Gotthelftracht dabei, ich hätte sicher gepunktet. Hege sah wunderschön aus in ihrer Tracht und Jörgen war schick im Anzug. Als Schwede fühlte er sich natürlich nicht verpflichtet, sich in irgendwelche Kniehosen und dicken Kniesocken zu stürzen und sich ein Messer um zu gurten. Erik, der Jüngste steckte ebenfalls in einem Anzug, mit Hemd und Krawatte. 

Wir fuhren zur Kirche bei der Schanze, dort wartete bereits der erste Umzug auf den Startpfiff. Die Familie Mårtensson lief im Zug mit, ich wartete oben bei der Kirche. Es war wirklich beeindruckend, die vielen farbigen Trachten zu sehen. Ohne war man wirklich ein wenig deplatziert. Als der Zug dann bei der Kirche ankam, gab es eine Rede, vermutlich vom Bürgermeister der Kommune. Für mich war dies ein spezieller Moment, denn ich merkte, dass ich die Rede mühelos verstand. Wahnsinn, plötzlich geht es einfach mit dem Norwegischen.

Was der Bürgermeister sagte, fand ich auch noch ziemlich beeindruckend. Er begann mit dem zweiten Weltkrieg, wie schlimm es damals war, nicht nur für die Norweger und machte dann die Brücke zu heute. Er meinte, dass alle glücklich sein sollen, in einem freien Land zu leben. Natürlich machte er enorm Werbung für die Umgebung hier, pries die Landschaft, die netten Leute und die paar Attraktionen. Ich kann leider nicht mehr den ganzen Text wiedergeben, aber ich spürte diesen Stolz, diese Liebe zum Land und auch sehr viel Dankbarkeit. Den Abschluss der Rede bildete ein kräftiges, dreifaches Hipp Hipp Hurra und die Niederlegung eines Kranzes vor dem Denkmal der Gefallenen während des zweiten Weltkrieges. Natürlich wurde auch die Nationalhymne gesungen, laut und fröhlich, von allen!

Dieses „Hipp Hipp Hurra“ hörte man übrigens den ganzen Tag, vor allem während der Umzüge. Alle rufen mit…

Es folgte ein ebenfalls beeindruckender Gottesdienst in dieser Kirche. Beeindruckend für mich deshalb, weil während dem Gottesdienst gelacht werden konnte, es wurden Fragen gestellt und Antworten gegeben und man durfte klatschen. Der Pfarrer war ein stimmgewaltiger Sänger, irgendwie riss er den hintersten und letzten mit seinem Enthusiasmus mit. Ich genoss es. Das nächste Mal muss ich einfach die Nationalhymne auswendig lernen, auch in der Kirche konnte ich leider nur stumm da sitzen, als sie gesungen wurde.

Nach dem Gottesdienst, wurden die Gräber besucht und anschliessend trennte sich die Festgemeinschaft. Wir fuhren zurück nach Vikersund, wo wir bei irgendwelchen Freunden zum Lunch eingeladen waren. Es gab belegte Brote mit Lachs oder Fiskepudding. Hier ist ein Einschub dringend nötig. Ich war nun 46 Jahre lang der Meinung, dass Fiskepudding absolut ungeniessbar sein müsse. Ok, ich habe ihn selber nie probiert, aber nur auf sehr eindringliches Anraten meines Vaters hin. Mein Vater, der sogar in China alles Essbare ausprobiert, der immer und überall brav isst, was man ihm vorsetzt, ausgerechnet er hinderte mich mit seinen Warnungen daran, den Fiskepudding auch nur happenweise zu versuchen. Endlich schlug ich all seine Warnungen in den Wind und probierte diesen Pudding – und fand ihn VORZÜGLICH. Keine Ahnung, was daran schlecht sein sollte. Tja, ich glaube, mein Vater und ich müssen uns einmal ernsthaft zum Thema Fiskepudding unterhalten! 

Nach dem Lunch, der übrigens mit Kuchen und Erdbeeren beendet wurde, begann der nächste Umzug. Diesmal in Vikersund selber und diesmal liefen nur noch Hege und Erik mit. Ich durfte mich Jörgen anschliessen und musste höllisch aufpassen, seinem „Gehtempo“ folgen zu können. Wie hätte ich ohne ihn jemals wieder den Heimweg gefunden?

Nach noch mehr Musik und „Hipp Hipp Hurra-Rufen“ landete dieser Zug bei der Primarschule von Vikersund, wo es wieder Essbares, Spiele und Unterhaltung gab. Auch hier sah man überall Trachten und fein herausgeputzte Menschen. Ich lernte erneut einige kennen, sogar eine Inderin, die mit ihrem norwegischen Mann seit mehreren Jahren hier wohnt. Diese Frau bestätigte mir, was ich eigentlich schon lange wusste: die Norweger sind ein sehr gastfreundliches Volk. Ihr gefällt es hier, und dies, obwohl sie schon fast die ganze Welt bereist hat. Wir redeten übrigens Norwegisch miteinander…

Um vier Uhr waren wir dann zum Mittagessen bei Heges Eltern eingeladen. Eigentlich hatte ich gar keinen Hunger mehr, schaffte es dennoch, zwei riesige Stück Lachs mit Kartoffeln und Salaten herunter zu schlingen (nicht würgen). Dass ich auf Erdbeeren, Pudding und Kuchen nicht verzichtete, war wohl selbstverständlich. Es war ein toller Nachmittag dort, ich lernte einen grossen Teil der Verwandtschaft kennen und fühlte mich wohl. Allerdings war ich am Abend todmüde. Das war ein intensiv-Norwegisch-Kurs wie ich ihn noch nie hatte.

Es war aber auch ein eindrücklicher Nationalfeiertag und ich habe mir ganz am Schluss überlegt, ob uns Schweizern nicht ab und zu die Fähigkeit zu mehr Feiern abhanden gekommen ist. Wir müssen ja nicht unbedingt den gleichen Patriotismus hervor holen, aber wir dürfen ruhig mehr zeigen, dass auch wir die Schweiz lieben und stolz und froh sind, in diesem schönen Land leben zu dürfen. Ich werde den 1. August in der Schweiz ein bisschen mit anderen Augen betrachten (dies ist übrigens grad der erste Tag meiner Rückkehr).

Gestern hatte ich dann einen mehr oder weniger ruhigen Tag. Es regnete oft, war kalt und ausser ein wenig Rasen rechen tat ich nicht so viel. Um drei Uhr ging ich allerdings auf eine „Strafjoggingrunde“, denn ich hatte mich am Dienstag dermassen überessen, dass ich mindestens fünf Stunden hätte rennen müssen. Ich beliess es dann mit einer Stunde zwanzig und war trotzdem k.o.

Heute gehe ich am Abend ins Training nach Kongsberg. Am Morgen genoss ich einen kurzen Spaziergang in Vikersund. Man soll sich auch ruhige Tage gönnen.

Übers Wochenende wird Sereina hier sein, ich freue mich sehr auf ihren Besuch!   

 

Montag, 23. Mai 2011 

Das Wochenende mit Sereina gehört leider auch schon wieder der Vergangenheit an, wir hatten es toll miteinander.

Zuerst kann ich aber noch meine geheime Mission auflösen, denn letzten Donnerstag erhielt ich von der Stadt Bern Bescheid, dass ich wieder dort arbeiten kann. Hurra, die weite Reise hat sich gelohnt. Kleine Frage: ist jemand schon mal weiter gereist für ein Vorstellungsgespräch?? 

Sereinas Aufenthalt hier in Norwegen begann am Freitagabend spät. Sehr spät. Und das Flugzeug kam auch zu spät. Aber, wir haben uns in Gardermoen gefunden, ich mit einem Pølser in der Hand, sie mit Schoggi im Gepäck. Ich fand, das war ein guter Tausch für mich. Da die Rückfahrt nach Vikersund brutale eineinhalb Stunden dauerte, war es halt schon Samstag, als wir ins Bett gingen. 

Nichtsdestotrotz standen wir nicht zu spät auf, denn wir hatten einiges vor. Oslo war das Ziel unserer Träume, vor allem die Kleidershops. Wir wollten alles erstürmen und uns mit Siegestrophäen schmücken so lange unser Geld reichte. Zuerst galt es jedoch, einen einfachen Parkplatz zu finden, wahrlich kein leichtes Unterfangen in dieser Stadt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass immer dann ein Abzweigeverbot stand, als ich eben dies tun wollte. Wir mussten in ein Parkhaus, ich wusste, dass das Bezahlen dort einen Shop weniger bedeutete… 

Als erstes galt es nach dem Auftauchen ans Tageslicht (gar nicht so einfach bei diesen Parkhäusern), die richtige Richtung einzuschlagen. Ich wollte nach links, Sereina nach rechts. Bis ich den Stadtplan hervorgeholt hatte, hatte sie bereits den richtigen Weg gefunden. Also nichts wie hinterher. Das Osloer Rathaus wurde angepeilt, denn erstens sieht man es schon von weitem, und zweitens hat es Toiletten, so gross wie Ballsäle. Doch das Schicksal war uns nicht gnädig, das Rathaus war fürs Publikum gesperrt. Also, rein ins nächstbeste Pub. 

Als wir uns verköstigt hatten und auch andere dringende Bedürfnisse nicht mehr dringend waren, ging es mit Shoppen los. Gleich beim Rathaus gibt es unzählige Souvenirshops, die wir der Reihe nach abklapperten, natürlich noch ohne irgendetwas zu kaufen. Dies sparten wir uns für die Karl-Johanns-Gata auf, DIE Strasse in Oslo. Es hatte viel Volk unterwegs, überall hörte man Musik und überall hätte man diverse Attraktionen anschauen können, hätte man gewollt. Wir wollten nicht und so ging das Shoppen munter vonstatten. Auf jeden Fall waren wir erfolgreich und zufrieden mit unserer Beute. 

Bevor es auch schon wieder Richtung Parkhaus ging, statteten wir dem Schloss einen Besuch ab, ohne jedoch auch nur den kleinsten Hauch von königlich zu sehen. Es war trotzdem schön und als Ersatz für die königliche Familie knipsten wir deren Wachen vor dem Schloss. 

Da wir am Anfang unserer Shoppingtour vom Parkhaus aus direkt zum Rathaus gegangen waren, entschlossen wir uns, den Rückweg vom Rathaus her zu beginnen, also quasi alles retour zu laufen. Das hatte den riesigen Vorteil, dass ich mir in einem der Souvenirshops doch noch einen Norwegerpulli kaufen konnte und einen Troll mit Elch und und und….

Wider Erwarten (meinerseits) fanden wir das Auto auf Anhieb und fuhren mit etwas Umwegen aus der Stadt heraus. Das heisst, nicht ganz. In Blommenholm, einem Aussenquartier von Oslo machten wir noch einen kurzen Halt, ganz genau am Homansvei 14. Mit dieser Adresse hat es etwas Besonderes, denn dort wohnte mein Vater in jungen Jahren und ich wollte dies sehen. 

Sonst überhaupt nicht so mutig, klingelte ich an besagter Adresse. Eine ältere Dame öffnete mir und ich erzählte ihr den Grund meines Herkommens. Als Beweis hielt ich ihr ein uraltes Foto aus den sechziger Jahren  von ihrem Haus unter die Nase. Die Dame glaubte meine schon etwas verworrene Geschichte und liess Sereina und mich sogar eintreten. Dort durften wir das Zimmer begutachten, welches vor eben vielen Jahren die Herberge meines Vaters war. Auch Fotos durften wir knipsen. Welch erhabenes Gefühl… 

Die damalige Besitzerin und Zimmervermieterin lebt nicht mehr, so dass ich leider keine Indiskretionen aus dieser Zeit vernehmen konnte. Mit einem herzlichen Dankeschön für die Gastfreundschaft verliessen wir die nette Dame dann und fuhren nach Hause zurück. 

Der Sonntag zeigte sich ziemlich garstig, so dass Sereina und ich lediglich einen Spaziergang im Brunesmoane (richtig, DER Elchwald) unternahmen. Obwohl wir sämtliche Dickichte umpflügten und überall nach Elchen spähten, sahen wir kein einziges Tier. Und dabei war das Wetter wirklich perfekt, am Schluss regnete es sogar.  Schade, das wäre noch das Tüpfelchen auf dem „i“ gewesen. 

Heute war dann bereits Sereinas Abreisetag. Doch auch diesen wollten wir nicht ungenutzt verstreichen lassen. Wir fuhren mit dem Auto wieder Richtung Oslo, bogen jedoch kurz vorher ab und peilten den „Kolsås“ an, einen Berg, der zwar einen Skilift hat, mit 340 Metern trotzdem nicht sehr hoch ist. Was wir von oben jedoch sahen, war einzigartig. Vom Kolsås aus hat man eine phänomenale Aussicht weit über Oslo hinaus in den Fjord. Das war wirklich ein lohnender Aufstieg. Auch das Wetter spielte mit, so dass wir die Gegend um uns herum richtig geniessen konnten. 

Bald schon sassen wir wieder im Auto und fuhren nach Gardermoen. Auf der Autobahn ging es flott voran und es hiess Abschied nehmen. Obwohl der Besuch nur kurz war, haben wir ihn beide sehr genossen. Ein sms von Sereina kam bereits aus der Schweiz zu mir hoch, sie hat den Flug heil überstanden. Diesmal war die Landung pünktlich….

 

Freitag, 27. Mai 2011 

Bis jetzt fiel es mir eigentlich ganz leicht, über meine Erlebnisse hier in Norwegen zu schreiben, ich erlebe auch tagtäglich eine ganze Menge. Seit zwei Tagen weiss ich zum ersten Mal nicht so recht, worüber ich berichten soll. Einerseits, weil ich eine ziemlich ruhige Woche erlebte, andererseits, weil meine Gedanken nicht nur beim fröhlichen „Hier sein“ sind, sondern sehr oft bei meinem Kater Findus. 

Am Mittwoch habe ich erfahren, dass seine Diabetes (die er schon länger hat) so schlimm geworden ist, dass die Nieren nicht mehr richtig funktionieren, das heisst, dass sie den Körper nicht mehr entgiften können. Findus muss eingeschläfert werden, und dies zu wissen tut richtig weh. Seit zwölf Jahren gehört er zur Familie und ist uns allen ein liebes Haustier geworden. Ich musste mich schon von vielen Tieren trennen, aber einen so tollen Kater wie Findus zu verlieren ist hart. Er wird mir fehlen. 

Als ich die Nachricht vom schlechten Zustand von Findus hörte, grübelte ich zum ersten Mal darüber nach, ob es denn auch richtig war, so lange weg zu gehen. Das Leben daheim geht weiter, und da frage ich mich, ob sich ein „Ausklinken“ wirklich lohnt. Ich meine, es tut mir sehr gut, auszuspannen, herum zu wandern, in die Wälder zu gehen, aber ist es richtig? 

Ich hoffe, darauf noch keine Antwort finden zu müssen. Tief im Innern bin ich mir sicher, dass ich richtig tat, mir diese drei Monate zu gönnen, wenn ich aber daran denke, dass ich mich nicht von Findus verabschieden kann, dann werde ich unsicher. Vielleicht weiss ich es irgendwann einmal. 

Ich komme hier oben sehr oft ins Nachdenken. Nicht nur jetzt, wegen Findus, auch sonst. Ich habe Zeit, Zeit die ich sehr gern auch dafür nutze. Zeit, über Vergangenes zu philosophieren, Zeit, über die Zukunft nachzudenken. Darüber, was bisher gut war, was ich vielleicht ändern möchte. Nach wie vor komme ich gut mit mir allein zurecht, ich brauche weder beim Herumwandern noch zu Hause Leute um mich herum. Natürlich bin ich oft bei meiner Gastfamilie und geniesse diese Momente sehr, aber gleichzeitig geniesse ich diese Stille bei mir. Und ich geniesse das Wissen, zu Hause eine Familie zu haben, zu der ich Ende Juli sehr gerne zurück kehre.

Vielleicht sollte jeder einmal so eine Auszeit nehmen. Es wäre spannend zu hören, was sich da alles in jedem Einzelnen verändert.

Obwohl ich, wie schon geschrieben eine eher ruhige Woche hatte, bewegte ich mich viel. Am Dienstag war Training gleich hinter meinem Haus. Da ich mich im letzten Monat schon einige Male in der „Flannumsmarka“ bewegt hatte, hatte ich fast ein wenig den Eindruck, in meinem „Heimwald“ zu rennen. Und so fühlte ich mich bei der Postenjagd sehr wohl und fand praktisch alles ohne Sucherei. Einzig bei einem Posten liess ich mich von einer Läuferin ablenken, weil ich dachte, sie wäre orientierungstechnisch besser als ich. Und das nur, weil sie Finnin ist. 

Am Mittwoch unternahm ich eine Wanderung in die Finnemarka. Das Wetter war ziemlich gut, die Finnemarka wunderschön (habe ich jemals geschrieben, dass irgendwo eine Gegend nicht schön ist?). Ich war diesmal ziemlich mutig und lief des Öfteren ohne Wege, nur mit einer Wanderkarte im Massstab 1:50‘000 und einem Kompass bewaffnet. Da es in der Gegend zum Glück viele Seen und Sümpfe hatte, konnte ich immer den einen oder anderen anpeilen und fand nach dreieinhalb Stunden sogar mein Auto wieder. Und ehrlich gesagt, lief es mir ohne Wanderwege viel besser als mit. Den ersten Teil lief ich auf einem solchen Weg und verlor ihn mindestens hundert Mal…. 

Am Mittwochabend setzte ich noch ein paar Posten für das Jugendtraining in den Wald. Später passte ich dann höllisch auf, dass die Jugendlichen meine Posten auch fanden und nicht vom richtigen Weg abkamen. Es war das erste Training so richtig im Wald, und einige hatten ziemlich Mühe, die Richtung zu halten. Wie heisst es so schön: auch bei den Norwegern ist noch kein OL-Meister vom Himmel gefallen. 

Am Donnerstag fuhr ich dann nach Kongsberg, wieder an einen Trainingslauf. Die Karte hiess „Haus Sachsen“, ich habe aber noch nicht heraus gefunden, ob die Sachsen jemals dort oben waren. Vor einem Jahr waren Stefan, Florian und ich bereits in diesem Gelände am Trainieren, und ich freute mich sehr darauf. Da es schon ziemlich in der Höhe liegt, gibt es nicht mehr allzu viele Bäume. Dafür unzählige Sümpfe, Felsen, Bäche. Auf vier Kilometern hatten wir nur gerade acht Posten anzulaufen. So gab es grosse Abstände zwischen den Posten, was eine hohe Konzentration beim Kartenlesen erforderte. Mir gelang ein technisch hervorragender Lauf, ich dachte gestern zum ersten Mal, dass ich nun langsam die Norwegischen Wälder in den Griff bekomme. Das tut gut! 

Heute war eigentlich nur eines angesagt: Regen, Regen, Regen. Für mich die Gelegenheit, nicht viel zu tun, dafür zu schreiben, Fotos zu  ordnen und zu lesen. Ich habe soeben ein wunderbares Buch zu Ende gelesen, das ich gerne weiter empfehle (natürlich auf Deutsch, falls es dies gibt): „La meg synge deg stille sanger“ von Linda Olsson. Es passt zu meiner momentanen Stimmung.  

 

Dienstag, 31. Mai 2011 

Bereits ist der letzte Tag im Mai angebrochen,  Zeit, wieder etwas zu schreiben. Das Wetter ist im Moment so, wie es beim letzten Eintrag aufgehört hat, es regnet. Schon die ganze Nacht durch, doch das war so ein beruhigendes Geräusch, dass ich heute prompt bis neun Uhr geschlafen habe…

Das Wochenende war noch einmal mit Orientierungslauf gefüllt. Am Samstag erkundigte ich neue Ecken „meines“ Heimwaldes, also hier in der Flannumsmarka. Ich mag diesen Wald nach wie vor sehr, auch wenn er noch keinen einzigen Elch zum Vorschein brachte. Aber das Rennen über Steine, Moos und Sümpfe ist einfach wahnsinnig schön. Am Samstag gab ich mir eine bestimmte Route querfeldein vor und versuchte dann, diese so exakt wie möglich zu rennen. Es gelang mir ziemlich gut und ich war zuversichtlich, am Wettkampf vom Sonntag mein ganzes Können so richtig auszuspielen.

Der Sonntag begann mit blauem Himmel und viel Sonne. Das Wettkampfgelände war nicht weit von Vikersund in der Finnemarka, so dass ich ausschlafen konnte. Ich fand – oh Wunder –auf Anhieb den Besammlungsort und wurde vom Laufleiter Hans Werb mit einem herzlichen „Klem“ begrüsst. Auch die kleine Schweizerfahne hing wieder neben der Norwegischen und Schwedischen. Das war fast ein wenig wie „nach Hause kommen“. Ich fühlte mich geehrt.

Von der Startliste her wusste ich, dass es ein kleiner Anlass werden würde. Es herrschte dann auch wirklich eine familiäre Stimmung.

Ein bisschen grosse, weite Welt brachte die Anwesenheit von Marianne Anderson, einer der weltbesten Orientierungsläuferinnen der letzten Jahre. Sie hatte grosse Probleme mit der Achillessehne und befindet sich erst wieder in der Aufbauphase. So wie ich auf ihrer Homepage gelesen habe, ist sie sich noch nicht sicher, ob sie in diesem Jahr an der Weltmeisterschaft in Frankreich laufen kann. Wäre schade.

Auf jeden Fall nahm ich meinen woher auch immer kommenden Mut zusammen und bat sie um ein Foto. Ok, ich gebe zu, dass ich vorgab, Florian wäre ein grosser Fan von ihr und das Foto sei für ihn, aber irgendetwas musste ich ja sagen. Das würde wirklich blöd aussehen, wenn ich mich quasi als Fan „outen“ müsste. Ich bekam das Foto und unterhielt mich sogar noch ein wenig mir ihr. Irgendwie finden es hier alle ziemlich lustig, dass ich mir in meinem hohen Alter diesen „Jugendtraum“ von einem Norwegenaufenthalt erfülle.

Bevor ich mich für den OL bereit machen konnte, wurde ich von einer Läuferin gefragt, ob ich nicht die Schweizerin wäre, die bei Hege und Jörgen wohne. Als ich dies bestätigte, bat sie mich, zu ihrem Platz zu kommen und stellte mich ihrem Mann und zwei jungen Leuten vor. Diese beiden, Nina und Daniel, kommen aus Berlin und arbeiten für ein paar Monate auf dem Bauernhof des Ehepaars Hope. Nach Norwegen sind sie gekommen, um Englisch zu lernen. Und ich dachte immer, das was ich hier spreche, wäre Norwegisch… wie dem auch sei, es war toll, mit diesen beiden zu plaudern, wir taten dies simpel und einfach auf Deutsch.

Ich war ziemlich erstaunt zu hören, dass weder Nina noch Daniel jemals an einem Orientierungslauf teilgenommen hatte und dies hier ihre Premiere wäre. Ich dachte eigentlich, dass nur OL-Läufer an Orientierungsläufen teilnehmen.

Vor dem Start gab es noch „Schnellbleiche-Instruktionen“, so zum Beispiel, was Dickichte sind, wo es steil sein könnte, oder wie man am besten zu den Posten kommt. Daniel war dann auch erfolgreich und fand alle Posten. Nina tat sich bei einigen schwer und liess diese dann aus. Ich hoffe jedoch, beide hatten Spass an ihrem ersten Wettkampf. Das Gelände war meiner Meinung nach von der Schwierigkeit her für Anfänger eher an der oberen Grenze, die Bahnen übrigens auch.

Zu meinem Lauf gibt es nicht viel zu erzählen. Falls ich wirklich mein ganzes Können ausspielte, so war es nicht viel, was ich zu bieten hatte. Ich kam mit der Karte nicht so gut zurecht, gegen Schluss der Bahn reihte sich Fehler an Fehler. Schade, denn das Laufgelände, so eine Mischung zwischen Wald und Voralpengebiet, gefiel mir sehr. Und der erste Teil der Bahn war auch ganz in Ordnung. Vielleicht habe ich wieder zu oft an mögliche Elchbegegnungen gedacht und es mit der Konzentration nicht so ernst gemeint.

 Nachdem sich das sonnige Wetter dann verzogen und dem Regen Platz gemacht hatte, verzog ich mich auch wieder nach Hause zurück und liess den Tag bei Kaffee und Kuchen ausklingen.

Gestern war es dann wieder schön und warm und ich beschloss, trotz Muskelkater und müden Beinen, etwas spazieren zu gehen. Natürlich mit Karte, natürlich auf Postenjagd. Ich wählte einen Wald ganz in der Nähe aus und genoss zweieinhalb Stunden wie immer zwischen Heidelbeerbüschen, Moos, Sümpfen und Steinen. Diesmal waren noch viele kleine Birken und zahlreiche Erikastauden dabei. Es braucht nicht viel um den Himmel auf Erden zu spüren.   

 

Freitag, 3. Juni 2011 

Der Juni begann – mit Regen. So wie der Mai eigentlich aufgehört hatte. Für mich war also am Dienstag klar, dass es keine Fjellwanderung geben würde. Was ich mir leistete, war ein kurzer Spaziergang im Brunesmoane. Ich bewaffnete mich sogar mit Filmkamera und Fotoapparat, denn mir schien, die Elche wären ganz wild darauf, vor meine Linse zu kommen. Wenn nicht im Regen, wann dann?

So wanderte ich zuversichtlich los, mied alles, was nach Weg aussah und hatte mich nach knapp einer halben Stunde bereits ziemlich verlaufen. Zu dumm, dass ich keine Karte dabei hatte, wie konnte ich nur… eigentlich wusste ich ziemlich genau, wo ich war, nämlich dort, wo ich vor sieben Jahren die Elche gesehen hatte. Aber, ich wusste nicht mehr, wie ich zum Auto zurück fand. Und Elche fand ich auch keine. Irgendwie gelang es mir, den Waldausgang zu finden und ich fuhr nach Hause. Daheim konnte ich allerdings nicht einmal mit der Karte rekonstruieren, wo ich durch gegangen bin…

Am Abend nahmen Jörgen und Henrik mich ans Training von Modum mit. Wir fuhren etwa eine halbe Stunde nach Krøderen. Diese Ortschaft liegt an einem grossen See und hat wohl einen der schönsten Wälder, die ich je gesehen habe. Das Trainingsgebiet war zwar nur klein, hatte jedoch alles, was ein OL-Herz höher schlägen lässt: Moos, Flechten, Heidelbeerbüsche, sanfte Hügel und KEINE Steine. Ich rannte wie ein Pfeil durch den Wald, fand alle Posten auf Anhieb und genoss das Training sehr.

Am Mittwoch half ich vor allem im Haushalt, wusch Kleider, hing sie auf, bügelte und tobte mich mit Arbeiten so richtig aus. Gegen Abend fuhr ich dann nach Kongsberg zu Jörg Luchsinger und liess mir ein paar Schulhaus-OL-Karten geben. Auf diesen soll ich bis zu meiner Abreise kleinere Bahnen legen. Das gibt noch zu tun, denn bevor ich diese Bahnen zeichnen kann, muss ich mir die Schulhaus-Areale angucken, damit ich in etwa weiss, wo was steht. Das erste Schulhaus besichtigte ich noch am selben Abend, denn es lag auf dem Weg nach Torp, einem der Flughäfen hier im Süden. Rund eine Stunde hatte ich Zeit, mir das wichtigste zu notieren, dann musste ich auch schon zum Flughafen.

Um halb zehn Uhr, respektive mit rund zwanzig Minuten Verspätung kamen dann Thomas und Sabine angeflogen. Da Torp ein wirklich kleiner Flughafen ist, hatten wir keine Probleme, uns zu finden. Schon kurz nach der Begrüssung fuhren wir nach Vikersund zurück. Wir kamen kurz vor Mitternacht an, draussen war es immer noch nicht dunkel. Nun spürt man es richtig, dass die Tage hier im Norden lang und die Nächte kurz sind.

Gestern hatten wir dann ein mörderisches Programm. Eigentlich ziemlich ungeplant. Nach einem ausgiebigen Frühstück ging es zuerst in den Brunesmoane. Auch Thomas und Sabine hatten die Hoffnung, dort einem Elch zu begegnen. Wie schon gewohnt, erfüllte sich diese Hoffnung nicht. So fuhren wir weiter nach Krøderen. Vielleicht hatte ja dieser Wald Erbarmen und schickte uns ein Rudel Elche über den Weg. Mit dem Erbarmen war wieder nichts.

Wir entschlossen uns, zurück zu fahren  und machten dazu einen kleineren Umweg rund um den riesigen See. Auf halbem Weg zurück entdeckte ich dann ein Strassenschild mit der Aufschrift: Blaafargeværket. Da ich immer noch nicht wusste, was dies genau ist, folgte ich dem Schild. Unterwegs sah ich allerdings ein anderes Schild, diesmal mit der Aufschrift: Koboltgruve. Kobolte hier ganz in der Nähe? Das musste ich sehen.

Also folgte ich diesem Schild. Anfänglich war die Strasse noch geteert, mit der Zeit war sie nur noch plattgewalzt und am Schluss ging sie so steil hoch, dass ich in den ersten Gang schalten musste. Das waren ja ganz komische Kobolte, die da oben wohnten. Mitten in der Wildnis fuhren wir dann auf einen grossen Parkplatz, der schon mit vielen Autos belegt war. Also, irgendetwas musste hier los sein. Wir folgten nun zu Fuss den verheissungsvollen Schildern und fanden uns plötzlich auf dem Gelände einer stillgelegten Kobaltmine wieder.

Nichts mit gruseligen Kobolten (die man auf Deutsch auch mit „d“ schreibt, ich hätte es wissen müssen). Das Gelände war für Touristen schön hergerichtet, man konnte alte Häuser besichtigen, in ein Museum gehen, herumschlendern und in Schluchten gucken. Sogar einen kleinen Spaziergang in eine der Gruben konnte man unternehmen. Wir blieben recht lange dort und erkundeten so viel wie möglich. Übrigens stellten die Norweger aus dem Kobalt blaue Farbe für die Porzellanmalerei her und verkauften diese  in die ganze Welt. Wer mehr wissen will, hier der Link: http://www.blaa.no/.

Ganz zum Schluss unseres Ausfluges besuchten wir dann auch noch das stillgelegte Blaafargeværket. Früher eben zur Herstellung von blauer Farbe genutzt, ist  das Areal mittlerweile zu einem beliebten Ausflugsziel vor allem für Familien geworden. Es hat einen Streichelzoo und viele Picknickmöglichkeiten. Auch kann man viel über die Geschichte der Porzellanmalerei erfahren. Eines der Häuser hier heisst zum Beispiel: Arsenturm. Ich frage mich, weshalb noch kein norwegischer Krimiautor auf die Idee kam, seine Morde hierher zu verlegen. Welches Gebäude wäre dazu geeigneter?

Nach dem langen Tag waren wir drei ziemlich müde, freuten uns auf den obligaten „Gästelachs“ und beschlossen den Tag mit einem kurzen Spaziergang in die Flannumsmarka. Selbstverständlich von hunderten von Elchen beobachtet.  

 

Montag, 6. Juni 2011 

Sprach ich beim letzten Mal noch von Elchen? Diesen Tierchen, die es wohl nur in Märchen und Sagen gibt? Die man nie sieht, auch wenn man es verdient hätte? Alles passé. Mein Jagdinstinkt ist für ein anderes Tierlein geweckt worden. Auch sehr putzig, vermutlich auch nur in Märchen und Sagen vorkommend…. 

Doch zuerst zu ganz Banalem. Thomas und Sabine reisten letzten Freitag bereits wieder zurück. Wir hatten zwei schöne Tage miteinander, und wie immer war dies natürlich viel zu kurz. Am Freitag fuhren wir kurz nach Mittag bereits los Richtung Süden. Wir hatten im Sinn, unterwegs an den Fjord zu gehen und uns ein wenig von der Sonne bräunen zu lassen. In Asgårdstrand fanden  wir diesen  Ort und genossen das Sonnenbaden. Ins Wasser traute sich keiner von uns, im Gegensatz zu den Einheimischen…Asgårdstrand ist übrigens ein hübsches kleines Städtchen mit fast nur weissen Holzhäusern.

Da sich Thomas beim Sonnenbaden von einer Möve vollscheissen liess, wollten wir noch in ein Kleidergeschäft, um ihn T-Shirt- mässig wieder flugtauglich zu machen. Dazu fuhren wir nach Tønsberg, eine Stadt, die sogar Einkaufscentren und Flanierzonen hat. Das T-Shirt wurde rasch gefunden und Thomas war wohl ziemlich happy… Weniger rasch fanden wir dafür ein Restaurant, welches uns eine anständige Mahlzeit servierte. Schlussendlich setzten wir uns in ein Thai-Restaurant und assen ganz gut. Als wir nach dem Essen noch ein wenig ans Wasser spazierten, mussten wir erkennen, dass dort wohl sämtliche Restaurants der Stadt zu finden gewesen wären. Es waren zu viele, um alle zu zählen…

Um acht Uhr lieferte ich dann die beiden im Flughafen Torp ab und fuhr wieder zurück. Das heisst, ich fuhr nur bis Konnerud, einem Dorf oberhalb Drammen. Dort fand übers Wochenende der sogenannte „Unionsmatch“ statt. Dies ist ein Vergleichswettkampf zwischen vier schwedischen und drei norwegischen OL-Klubs der dreizehn bis sechzehn Jahre alten Nachwuchsläufer. Ich hatte mich bereit erklärt, als Betreuerin der Jugendlichen von „Buskerud“ mitzuhelfen.

Viel gibt es allerdings davon nicht zu berichten, ausser, dass ich zusammen mit den Jugendlichen auf einer viel zu dünnen Matte in einem Schulzimmer schlief und tagsüber so ziemlich nichts zu tun hatte. Während des ganzen ersten Wettkampfes sass ich mehr oder weniger nutzlos herum. So entschloss ich mich am Samstagmittag, wieder nach Hause zu fahren. Es hatte fast zu viele Betreuer. Und ich war froh, nicht noch eine Nacht in diesem Schulzimmer schlafen zu müssen. Irgendwann merkt man, wenn man dazu zu alt ist….

Da es am Sonntag dann sehr heiss war, entschloss ich mich, in einem kühlen Wald etwas wandern zu gehen. In der Sonne hätte ich es wohl kaum ausgehalten. Ich fuhr mit dem Auto nach Tyristrand und begann dort meinen Marsch in die „Holleia“. Obwohl ich eigentlich nie ohne meine Gummistiefel wandere, beschloss ich, für einmal nur die Turnschuhe anzuziehen. Meine Füsse wären bei der Hitze in den Stiefel geschmolzen. Mein Entscheid war ziemlich gut, ich musste kein einziges Mal durch nasse Wanderwege waten.

Auf dieser Wanderung kam dann der Entschluss, nicht mehr nach Elchen zu suchen. Die gibt es, wie ich langsam vermute wirklich nur in Büchern oder auf Postkarten. Nein, mir wurde offenbart, dass es auch noch andere Tiere auf der Welt gibt. Das kam so:

Als ich munter vor mich hin lief, kam mir ein Jogger entgegen (der Wald wimmelte übrigens von Joggern). Als er bei mir ankam, blieb er zu meinem Erstaunen stehen und fragte mich: (deutsche Übersetzung folgt) „Har du satt Bjørn?“ Ich war ziemlich verdattert, denn ich hatte wohl einige Leute gesehen, aber welcher davon war denn Bjørn? So antwortete ich dem netten Jogger, dass ich leider nicht aus der Gegend käme und keinen Bjørn kenne, ihn also auch nicht gesehen habe.

Nun war der Jogger verdattert. Bis er plötzlich lachte und sagte, er meine auch keinen Mann sondern das Tier, den Bären (seine Frage lautete also: hast du den Bären gesehen?). In der Gegend läuft tatsächlich ein Bär herum und jeder ist begierig darauf, dieses Tier zu sehen. Tja, ich bekam ihn leider nicht zu Gesicht, auch der wird ins Kapitel der Mythen und Märchen gehören, aber ich finde es viel spannender, auf Bärenjagd zu gehen als immer nur Elchen nachzurennen. Nun jage ich also Bären. Die „Holleia“ wird mich noch ein paar Mal sehen!

Meine Wanderung dauerte ziemlich lange, und dies nicht nur, weil ich ständig nach Bären Ausschau hielt. Die Karte hielt nicht ganz, was sie nie versprach und hatte ein paar Wege mehr eingezeichnet als tatsächlich zu finden waren. Ich machte am Schluss einen ziemlichen Umweg. Dafür kam ich an unzähligen Seen vorbei und genoss es jedes Mal sehr, über das glitzernde Wasser zu schauen.

Heute wollte ich dann wieder etwas für meine Fitness tun. Wandern macht langsam, noch langsamer als ich eh schon bin. So fuhr ich mit dem Auto zum Skilift von Vikersund und rannte von dort ins Fjell hinauf. Es gibt einen tollen Wanderweg, welcher mich sehr an denjenigen auf den Niesen erinnerte. Es ging auf jeden Fall ziemlich steil hinauf. Oben angekommen ärgerte ich mich furchtbar, dass ich wohl eine OL-Karte, nicht aber den Kompass mitgenommen hatte. Ohne dieses Hilfsmittel fühlte ich mich gar nicht wohl und wagte keine tollkühnen Abkürzungen mitten ins Grüne. Trotzdem hielt ich es rund zweieinhalb Stunden mit Joggen aus und war ziemlich müde, als ich wieder beim Auto war. Aber es musste sein.

Nächstes Wochenende werde ich übrigens am Pinseløpet in Kongsberg helfen. Eigentlich wäre geplant gewesen, dass dann auch noch Florian zu Besuch kommt. Da er heute Morgen jedoch Bescheid erhielt, dass er sich für die Junioren-Weltmeisterschaften in Polen selektionieren konnte, kann er nicht hierher kommen. Ich denke, angesichts der riesigen Freude über die Selektion werde ich dies locker verschmerzen. Wer übrigens live an dieser WM dabei sein will, hier noch der Link: http://www.jwoc2011.pl/.  

 

Freitag, 10. Juni 2011

Im Moment regnet es grad Sturzbäche vom Himmel, Zeit also genug, wieder ein wenig Rückschau zu halten. Diese Woche war allerdings eine ziemlich gemütliche Woche, das Wetter liess leider grosse Wanderungen nicht zu. Aber, auch das gehört zu einem Skandinavienaufenthalt. Und ganz untätig war ich ja auch nicht. Am Dienstag konzentrierte ich mich natürlich den ganzen Tag über voll auf das Training vom Abend. Ich wusste, dass ich die gleiche Strekcke wie Jörgen und Henrik zu laufen hatte und wollte mir keine Blösse geben. Die Vorbereitung war gut, ausser ein bisschen Haushalten bei Hege tat ich nichts. Das Haushalten war notwendig, weil sich für den späten Nachmittag zwei Journalisten von „VG“ angesagt hatten. Diese wollten ein Portrait meiner Gastfamilie machen, so à la „wie lebt eine sechsköpfige OL-Familie den ganz normalen Alltagswahnsinn?“. Was genau interviewt wurde, weiss ich im Moment nicht.

Als ich mich jedoch fürs Training draussen bereit machte, kam einer der Journalisten zu mir und wollte wissen, ob ich auch zu der Familie gehöre. Ich verneinte dies und erklärte ihm den Grund meiner Anwesenheit. Sehr erstaunt war der gute Mann, als er hörte, dass ich Mårtenssons vorher nicht gekannt und einfach aufs „Gratwohl“ eine Anfrage gestartet hatte. Noch erstaunter war er dann, als ich erklärte, dass wohl alle Schweizer Orientierungsläufer in meinem Alter Jörgen „kennen“,  da er in seiner aktiven OL-Karriere mehr als nur erfolgreich war. Offenbar hatten die Journalisten keine Ahnung von OL und noch weniger von Jörgens Vergangenheit. Ich denke, zurück in der Redaktion ging das „Googlen“ lost…. Auf jeden Fall waren die Journalisten gestern schon wieder hier. Auf den Artikel bin ich ja gespannt.

Tja, was gibt es zum Training zu sagen? Wieder nichts Gutes. Trotz mentalem Hoch stürzte ich kartentechnisch ab. Mir war der Massstab 1:5‘000 nicht geheuer und ich suchte bereits den ersten Posten sehr lange. Auch zum vierten Posten brauchte ich viel zu lange, im Duell Mårtensson gegen Schneider zog ich eindeutig den Kürzeren. Mein einziger Höhepunkt (und davon werde ich noch den Urgorsskindern erzählen) war der, dass ich bei einem Posten fast eineinhalb Minuten schneller als Jörgen war..

Aber – meine Höhepunkte kommen noch, spätestens am Midnattssolgaloppen!

Am Mittwoch, dem einzigen sonnigen Tag dieser Woche, erholte ich mich dann von diesem Trainingstiefschlag und bewegte die Beine gar nicht. Dafür trainierte ich Hirn und Finger ausgiebig. Das Hirn wurde durch meinen Krimi „Marekors“ von Jo Nesbø, natürlich auf Norwegisch, stark beansprucht und meine Finger durch meine „Ferienhäkeldecke“.

Diese Decke ist übrigens etwas ganz besonderes. Ich begann damit vor sieben Jahren, als wir ganz in der Nähe von Vikersund für zwei Wochen eine Hütte gemietet hatten. Ich nahm weisses Garn und begann, wild im Kreis herum zu häkeln. Mittlerweile ist die Decke immer noch rund und schon ziemlich gross. Ich arbeite jeweils nur in den Ferien daran und denke, dass sie wohl nie fertig sein wird. Wozu auch, ich habe gar keinen runden Tisch, auf den ich sie legen könnte. Das Garn erhalte ich immer mal wieder von Frauen, die nicht mehr häkeln. Den Knäuel, den ich im Moment bearbeite, schenkte mir zum Beispiel Stefans Mutter, sie erstand ihn noch zu Zeiten der DDR…

Gestern regnete es wieder heftig. Dies hielt mich jedoch nicht davon ab, einen Spaziergang nach Vikersund und zurück zu unternehmen. Ich wollte zwei Briefe einwerfen und hatte keine Lust, das Auto zu nehmen. Hin und zurück dauerte es eineinhalb Stunden. Nach Vikersund laufen werde ich sicher nicht mehr, vor allem, weil der Weg fast ausschliesslich der Hauptstrasse entlang führt.

Am Abend fuhr ich dann zum Ringkollen an einen Lauf des „Ringerikskarusellen“. Somit hat sich der Kreis meines Aufenthaltes hier fast ein wenig geschlossen. Am Ostermontag liefen nämlich noch Stefan und ich an einem gleichen Anlass. Und vor allem war der Ringkollen mein erstes Wanderziel, nachdem ich Stefan am 26. April 2011 zum Flughafen fahren musste. In genau einer Woche fliegt Stefan wieder hierher, es passt also.

Der OL war genial schön, auch wenn mir der Nebel (!) zuerst schon ziemlich Respekt einflösste. Ich fand dafür alle Posten so wie ich es wollte und genoss das Rennen im klitschnassen Wald sehr. Natürlich war ich nicht schnell unterwegs, aber manchmal ist es gar nicht so schlecht, dafür besser auf die Karte zu schauen. Im Ziel war ich auf jeden Fall nass und zufrieden.

Heute regnet es immer noch. Im Radio haben sie erzählt, dass in gewissen Teilen Norwegens bereits die ersten Häuser wegen Schlamm- und Steingefahr, ausgelöst durch heftige Regenfälle, evakuiert werden mussten. Bei uns hier ist es noch nicht so schlimm, denke ich mal. Auch heute zog es mich wieder ein wenig in die Natur hinaus. Ich fuhr zum Trainingswald vom letzten Dienstag, zog meine Stiefel an, bewaffnete mich mit dem Fotoapparat und ging los. Am Dienstag hatte ich nämlich festgestellt, dass der Wald voller „Elchschisse“ war, diesen zufolge müsste es geradezu von Elchen wimmeln. Ich dachte, bei dem Regen zeigt sich mindestens ein ganzes Duzend Elche. Ich weiss, ich bin meinem Vorsatz vom letzten Eintrag schon untreu geworden, aber irgendwie hänge ich halt an diesen Tieren…leider hängen  diese Tiere nicht an mir, ich bekam wieder keinen Elch vor die Linse. Dafür sah ich einen kleinen Frosch und die sind von der Grösse her viel schwerer zu finden als Elche, immerhin etwas.  

 

Dienstag, 14. Juni 2011 

Die letzte Woche meines norwegischen „Singlelebens“ hat schon begonnen. Ab Freitag erzähle ich nur noch in der „wir-Form“, das heisst natürlich nur, wenn es sich Stefan bis dahin nicht anders überlegt hat, sein Flugzeug tatsächlich nach Gardermoen fliegt, mein Auto keine Panne hat, ich den Weg zum Flughafen wieder finde, ich Stefan wieder erkenne, er mich noch kennt…. was gibt es sonst noch? Nichts, ich freue mich sehr auf die nächsten sechs Wochen mit ihm.

Acht Wochen war ich nun allein unterwegs, es hat mir wahnsinnig gut gefallen. Immer wieder hatte ich natürlich Situationen zu bestehen, die ich lieber jemand anderem zugeschaufelt hätte, aber ich meisterte eigentlich alles Mögliche und Unmögliche, nicht immer souverän, aber immer öfters. Sehr nahe ging mir die Geschichte mit Findus, aber hier kann ich fast ein wenig Entwarnung durchgeben: Findus lebt immer noch, meine Lieben daheim hatten entschieden, noch eine Zweit-meinung einzuholen. Im Tierspital meinte man dann, dass er wohl krank sei, sicher nicht mehr allzu lange leben wird, aber seine Blutwerte im Moment wieder so gut wären, dass man ihm eine zweite Chance geben solle. Ich war so ziemlich der glücklichste Mensch auf Erden, als ich dies hörte und bin zuversichtlich, dass mich mein Kater am 31. Juli als erster begrüssen wird (wir werden früh am Morgen in Stettlen ankommen, der Rest der Familie, sofern daheim, schläft dann ziemlich sicher noch). Ich bekam übrigens liebe Mails nach meinem Bericht und sogar ein witziges Katzenbuch nach Norwegen geschickt, herzlichen Dank Antoinette!!!

Nun aber noch etwas zum Thema „was weiter geschah“:

Während den Pfingsttagen probierte ich es aus, wie es ist, zusammen mit einem norwegischen OL-Klub einen kleineren Mehrtage OL zu organisieren. Schon lange hatte ich mich bei Kongsberg O-Lag beim Start als Helferin des traditionellen Pinseløpet eingetragen und war gespannt, wie dies alles ablaufen sollte.

Der „Startchef“ bestellte mich via E-Mail auf 11 Uhr am Samstag zum Start. Um halb elf Uhr war ich beim Wettkampfzentrum und begann dann eine fast verzweifelte Suche nach diesem verflixten Start. Wen immer ich von den OK-Mitgliedern nach dem Weg fragte, niemand wusste, wohin man mich schicken sollte. Die einen meinten, ich würde sicher Bänder finden, die mir den Weg weisen würden, andere sagten, sie wüssten nur, wo der Start von Sonntag und Montag wäre, wieder andere sagten gar nichts. Es war ein bisschen zum Verzweifeln. Endlich fand ich den OK-Chef und der wies mich wieder zurück zum Parkplatz und von dort irgendwie in den Wald hinein. Ich würde dann die Wegweiser schon sehen. Mit neuen Hoffnungen im Gepäck marschierte ich in die genannte Richtung los, bis mich ein anderes, männliches OK-Mitglied zum Umkehren bewegte, weil in dieser Richtung ganz sicher kein Start wäre…also alles wieder zurück. Dieser Mann (man frage mich bloss nie nach Namen der Leute hier, die kann ich mir wirklich nie merken) sprach dann etwas mit mir und meinte plötzlich, ich müsse meinem „Dialekt“ zufolge wohl aus der Schweiz stammen. Ich war ziemlich erstaunt, dass man dies aufgrund meines norwegischen Dialektes herausfinden könne, aber er lachte nur und sagte, wir Schweizer hätten einen besonderen „Singsang“. Schön, ich singe also (im Nachhinein denke ich allerdings, dass er ja wusste, dass irgendwo eine Schweizerin mithilft. Der wollte doch nur etwas angeben….). Leider war er mit seiner Meinung über den Standort des Starts falsch, denn als wir fast wieder beim Wettkampfzentrum waren, kam uns ein anderer Helfer entgegen, und dieser Helfer wollte auch zum Start. Endlich einer, der etwas wusste. Dieser Mann führte mich dann tatsächlich dorthin, wo ich wollte (dorthin, wo ich schon zwei Mal unterwegs war…).

Kurz bevor wir unser Ziel erreichten (also den Start), sahen wir einen Mann im Gebüsch kauern. Als wir fragten, was er denn hier mache, antwortete dieser, er warte darauf, den Elch wieder zu sehen, der vor knapp zwei, drei Minuten hier vorbei kam. Nicht zu fassen. Ein Elch, und ich war wieder zu spät, denn –  er kam natürlich nicht noch einmal hier vorbei.

Beim Start begannen wir dann mit dem Aufbau, und kurze Zeit später kamen schon die ersten Läufer. Meine Aufgabe war es, zu schauen, dass die Wettkämpfer die Karten erst nach dem Start zu sich nahmen, und Ordnung in den Kisten mit den Laufkarten herrschte. Auch hatte ich darauf zu achten, dass alle ihre „Brikker“ (System zum Erfassen der Laufzeiten) rechtzeitig aktivierten. Doch die Norweger kennen dieses Prozedere bestens, ich musste nie eingreifen.

Obwohl ich keinen Stressjob hatte, fand ich es spannend, am Start zu stehen und freute mich auf die nächsten Tage. Nebst zahlreichen Skandinaviern nahmen übrigens auch drei Schweizer am Pinseløpet teil, so dass ich wieder einmal Gelegenheit hatte, mein Schweizerdeutsch zu üben. Andreas Grote sowie Marianne und Sönke Bandixen waren diese Teilnehmer. Ich genoss es sehr, mit ihnen ein wenig zu plaudern.

Am Sonntag und Montag waren wir dann schon ein eingespieltes Team, jeder wusste, was er zu tun hatte, und ich hatte viel über die norwegische Mentalität gelernt. So wusste ich, dass ich besser am Tag vorher schaute, wo der nächste Startpunkt war und, dass ich nicht allzu pünktlich vor Ort sein sollte. Man machte zwar einen genauen Zeitpunkt ab, hielt diesen jedoch nie ein. Ich war immer die erste, obwohl ich mir grosse Mühe gab zu spät zu kommen.

Das Wetter war alle Tage über fantastisch, die Gelände traumhaft schön. Jeweils vor dem offiziellen Start schnappte ich mir eine Laufkarte und ging selber etwas auf Postensuche. Bei Sonnenschein über Stock und Stein zu gehen und es immer wieder rot-weiss aufleuchten zu sehen ist einfach „geil“. Heute Abend werde ich sogar wieder rennen, wir haben Training, hurra!  

 

Samstag, 18. Juni 2011 

Und schon ist sie vorbei –meine Singlezeit. Stefan kam gestern pünktlich wie eine Schweizeruhr im Flughafen Gardermoen an und hängt im Moment noch ziemlich faul herum. Aber, wenn ich etwas weiter unten schreibe, wie die letzte Nacht bei uns aussah…. kann dies jeder und jede verstehen….

Doch bevor ich zu dieser Nacht komme, gibt es eine kurze Rückschau der letzten Tage (ohne Nächte).

Das Training am Dienstag war,  wie alle Trainings hier, toll. Zwar ärgerte ich mich furchtbar über einen wirklich doofen Fehler, aber gefallen hat es mir trotzdem. Wir fuhren nach „Kløftefoss“ in einen Wald, der wieder keine Steine hatte, dafür als besondere Attraktion unzählige ziemlich tiefe Trichterlöcher. Die Organisatoren schafften es denn auch, fast alle Posten in eines dieser Löcher zu setzen, vermutlich nur so als reine Schikane. Jedes Mal hiess dies für mich, 10 Meter hinunter zu steigen und danach wieder hoch. Ich frage mich, wozu die Leute auf Achterbahnen oder so gehen, wenn man auch im Wald hoch und runter kann. Der Fehler passierte mir, weil ich beim Abzeichnen vergessen hatte, Posten Nummer 10 und 11 mit einem Strich zu verbinden. So las ich versehentlich von Posten 3 zu elf, da dieser nahe beim zehnten stand. Durch diesen Parallelfehler verlor ich ziemlich viel Zeit und das hinderte mich daran, endlich einmal einen Trainingsspitzenplatz zu erreichen. Mir bleibt noch eine Chance nächsten Dienstag. Dann schlage ich erbarmungslos zu! 

Am Mittwoch fuhr ich noch einmal in die Finnemarka hinauf und zwar dorthin, wo ich Ende Mai an einem OL war. Ich wollte ein paar Posten eines fixen Postennetzes ablaufen und danach noch etwas wandern. Das Wetter war schön, also nichts wie los. Nach kurzer Zeit war ich beim Ausgangspunkt und fing an zu joggen. Da die Posten vor allem für Familien und Anfänger gedacht sind, war die Bahn, die ich mir zurecht gelegt hatte, nicht besonders schwer und ich freute mich, alles ohne Probleme zu finden. Da ich vor dem Ablaufen jedoch nicht allzu sehr auf die Höhenkurven geachtet hatte, begann ich bald einmal ziemlich zu schnaufen und zu schwitzen. Mir kam es vor, als ob es nur immer hinauf gehen würde und zwar zünftig. So wäre es eigentlich nicht gedacht gewesen, immerhin hatte ich die Trichterlöcher vom Vortag noch in den Beinen. Irgendwie kam ich trotzdem ins Ziel, ziemlich kaputt allerdings.

Zum Glück konnte ich es bei der Wanderung dann gemütlich nehmen. Ich lief zu einer stillgelegten Silbermine und hoffte natürlich, dass die netten Leute, welche die Mine in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts aufgaben, noch ein paar Silberbrocken für mich übrig gelassen hatten. Leider waren sie nicht so grosszügig, ich musste mich mit Erzgestein zufrieden geben. Immerhin etwas, mein Rucksack wurde ganz schön schwer.

Am Donnerstag zeigte sich das Wetter dann wieder von der garstigen Seite und ich beschloss, es extrem ruhig zu nehmen. So las ich fast den ganzen Tag oder häkelte wieder ein wenig an meiner Decke herum. Irgendwie denke ich manchmal, dass sich das Wetter ganz schön mit meinen Beinen verbündet. Immer, wenn diese müde sind, fängt es an zu regnen. Komisch.

Gestern war ich dann schon ziemlich aufgeregt – Stefan sollte ja kommen. Ja, ja, jetzt geht es langsam auf die schlaflose Nacht zu. Den Tag über war ich noch ziemlich fleissig. Hege hatte am Abend ihre Lehrerkollegen zu einer Party eingeladen, und ich half bei den Vorbereitungen. Es gab ein Thailändisches Essen, den ganzen Nachmittag roch es verdächtig gut und ich hätte zu gern davon probiert. Die Thailändische Köchin war dann so lieb, mir einen ganzen Topf Reis und Fleisch in den Kühlschrank zu „schmuggeln“.

Kurz vor neun Uhr durfte ich dann endlich Richtung Gardermoen losfahren. Es regnete aus Kübeln, ich war froh, nach eineinhalb Stunden den Flughafen ohne Schwimmflossen erreicht zu haben.

Stefan kam, wie am Anfang geschrieben pünktlich an, es war ein schöner Moment, ihn aus dem Zoll kommen zu sehen. Nun ging es zu zweit die lange Strecke zurück, kurz nach Mitternacht kamen wir erst in Vikersund an. Und die Party war immer noch in vollem Gange. Da Hege mir am Nachmittag gesagt hatte, die Gäste würde spätestens um zwölf Uhr nachts gehen, dachte ich mir noch nichts dabei. Stefan war müde, ich war müde, nichts hinderte uns daran, ins Bett zu gehen. Die Partygäste waren jedoch nicht müde, ihre Musik und ihr Lachen hinderten uns am Schlafen. Das war sie also, DIE Nacht. Da die Musikbox gleich an der Wand zum Schlafzimmer stand, lösten die Bässe jeweils ein kleineres Erdbeben bei uns aus. Es war zum Schreien, leider nicht zum Schlafen. So erzählten wir uns bis um halb drei Uhr alle möglichen Erlebnisse der letzten Wochen und waren unendlich froh, als sich die Festgesellschaft doch irgendwann auflöste. Endlich schlafen!

Und heute fühlten wir uns ziemlich erschlagen. Nichtsdestotrotz fuhren wir etwas einkaufen, kontrollierten OL-Posten eines Nachwuchskurses im Wald, dies alles bei strömendem Regen. Mir machte das Wetter nichts aus, Stefan war schon ein bisschen enttäuscht. Aber, es kann nur noch besser werden!

Das Wichtigste, das wir übrigens beim Einkaufen erstanden, war die neuste Ausgabe der „VG“. In der heutigen Tagesbeilage war ein sehr, sehr langer Artikel über meine Gastfamilie. Das Interview von letzter Woche war tatsächlich erschienen, „meine“ Familie mit Wort und Bild vorgestellt. Thema des Beitrages war übrigens, wie eine normale, aber sportlich sehr aktive norwegische Familie die Alltagshektik meistert. Wer könnte dies besser zeigen als die OL-Familie Mårtensson.   

 

Donnerstag, 23. Juni 2011 

Vor genau zwei Monaten, am 23. April 2011 kam ich in Vikersund an, bei wunderschönem Frühlingswetter, heute fahre ich ab, der Himmel weint….

Die zwei Monate gingen so schnell vorbei. Es war wirklich toll hier, ich werde so ziemlich alles vermissen. Aber, nun freue ich mich auf die gemeinsame Reise mit Stefan. So hoch in den Norden fuhr ich noch nie, es soll traumhaft schön sein. Sobald der Bericht hier auf dem Netz ist, werden wir losfahren.

Also, ganz kurz zur Rückschau.

Am letzten Sonntag regnete es oft, allerdings konnten wir den Wald „Krøderen“ bei trockenem Wetter geniessen. Erneut war ich vom Gelände fasziniert, Stefan ging es genauso. Bevor wir uns allerdings im Wald austoben konnten, durften wir auf der Insel in Vikersund 35 OL-Posten für den Nachwuchskurs in den Wald setzen. Obwohl die Posten für Anfänger gedacht waren, mussten wir bei einigen ziemlich studieren, ob sie den auch richtig stehen würden, denn wir waren den Kartenmassstab 1:5‘000 nicht gewohnt. Dank den ergiebigen Regenfällen stand viel Wasser im Wald, manche Posten konnte man nur erreichen, indem man bis zu den Knien im Wasser zu ihnen „watete“. Wie wir nach dem Kurs hörten, hat sich kein Kind über falsch gesetzte oder schwimmende Posten beschwert, noch einmal Glück gehabt. Nach dem eigenen Training holte Stefan dann die Insel-Posten wieder ein und gemeinsam holten wir noch alle Schulhaus-Posten. Zusammen liefen Stefan und ich am Sonntag fast 160 Posten an, das ist schon rekordverdächtig….

Am Montag war dann für mich wieder ein sehr ruhiger Tag, ich las viel, und tat sonst nichts. Stefan musste natürlich in den Wald, er war ziemlich lange unterwegs kam aber zufrieden zurück. Klar, ihm fehlen die zwei Monate, die ich schon geniessen konnte, nun muss er alles nachholen. Ich sage da nur: in spätestens zwei Woche ist er so müde, dass er seine Beine nicht mehr bewegen kann, wetten?

Am Dienstag gingen wir wandern. Ich wollte noch einmal ins Hovlandsfjell, diesmal zu „meinem“ See, dem Flagvannet. Bei diesem See war ich schon so oft, die Gegend um ihn herum begeistert mich jedoch immer wieder aufs Neue. Ich musste wieder zugeben, dass dies wohl der schönste Fleck auf Erden ist, den ich bisher kenne. Die Wanderung konnten wir bei wunderschönem, warmem Wetter unternehmen. Kaum waren wir beim Auto, begann es zu regnen. Am Abend war hier in der Flannumsmarka die Klubstaffel, zum letzten Mal konnte ich also in meinem „Heimwald“ ein Training absolvieren. Stefan und ich liefen allerdings in keiner Staffel, hatten dafür einen harten Wettkampf gegeneinander. Ich verlor – wie meistens. An diesem Abend musste ich mich schon von vielen lieb gewordenen Leuten verabschieden.

Gestern war dann nur noch Abschiedstag. Klar, Stefan war am Morgen im Wald, ein weiterer Schritt für ihn zum K.O….. Danach gingen wir zu Heges Eltern und wurden noch einmal sehr nett bewirtet und sogar beschenkt. Es war ein komisches Gefühl, sich von ihnen verabschieden zu müssen, ich hoffe, wir sehen uns wieder. Nach dem Besuch bei den beiden, fuhren wir nach Drolsum zu einer Familie, die ich am OL kennengelernt hatte. Auch dort wurden wir bewirtet und verbrachten zwei gemütliche Stunden mit Plaudern. Spät am Abend ging es dann noch zu meiner Gastfamilie. Die Mårtenssons hatten selber Besuch von schwedischen Freunden. Auch hier hatten wir gute Gespräche in einem Mix aus Schwedisch, Norwegisch und Englisch. Danach hiess es endgültig Abschied nehmen, denn Hege und Jörgen mussten heute arbeiten gehen.

Tja, und heute war Putzen und Packen angesagt. Nun sind wir fertig, der Bericht auch, es kann los gehen. Ich hoffe, bald einmal einen Internetanschluss zu finden, damit ich von der Reise in den Norden berichten kann. Von nun an wird es ungewiss sein, wann meine Berichte erscheinen, es hängt alles vom Finden eines Anschlusses ab. Lykke til!  

 

Freitag, 24. Juni 2011 

Eigentlich hatte ich gar nicht geplant, so schnell wieder zu schreiben, aber der Text gestern war nicht wirklich lang, dafür die Nacht auf heute – ich habe eine Menge zu erzählen…. Vor allem muss ich es ausnützen, wenn ich Internet-Anschluss habe. Im Moment ist dies grad bequem, Stefan und ich sind in Fauske auf einem Campingplatz in einer kleinen Hütte und haben darin Anschluss.

Nachdem wir mein kleines Häuslein auf Hochglanz geputzt hatten, fast das ganze Gepäck im Auto verstaut war, wir uns noch einmal bei den Kindern von Mårtenssons verabschiedet hatten, fuhren Stefan und ich etwa um ein Uhr mittags von Vikersund los in Richtung Norden. Zu Beginn fühlte ich mich noch fast wie daheim auf der Strasse, wir fuhren nach Jevnaker, auf einer Strecke also, die ich mittlerweile bestens kenne. Danach kam viel Neuland. An unzähligen grösseren und kleineren Seen ging es gemütlich hinauf nach Lillehammer. Mit maximal 80 Stundenkilometern kommt man wirklich nicht schnell voran, aber, wir hatten Zeit. Obwohl ich gerne gesehen hätte, wie sich Lillehammer in den letzten zwanzig Jahren und vor allem nach Olympia entwickelt hatte (ich war im 1990 für ein paar Tage dort), liessen wir die Stadt links liegen und fuhren unerbittlich weiter, immer Richtung Norden, immer Richtung helle Nächte. Das Wetter war ziemlich mies, wir hatten fast nur Regen. Der hörte eigentlich genau dann auf, als wir für eineinhalb Stunden kurz nach Lillehammer im Stau standen. Ein Bus hatte die Kurve wohl nicht gekriegt und lag auf der Strasse. Die Polizei hatte den Unfall lange nicht im Griff, denn eigentlich wäre genug Platz gewesen, die Autos vorbei zu lassen.

Als es endlich weiter ging, hatten wir von Wohnwagen, Lastwagen, Bussen und so ziemlich die Nase voll, so dass wir uns nach Ringebu entschieden, die E6 nach Narvik zu verlassen und ein wenig übers Fjell zu fahren (der Routenplaner hätte uns eh dorthin geschickt…). Dieser Entscheid war goldrichtig. Nicht nur, dass wir praktisch die ganze Strasse für uns hatten, sie war auch super gut zum Fahren. Die Gegend war ein Hit. Oben auf dem Fjell hatte es keine Bäume mehr, man konnte endlos weit auf Berge und Seen gucken. Auf den Gipfeln hatte es noch verdächtig viel Schnee. Ich hoffe, das gab ein paar richtig gute Fotos.

Wieder zurück auf der E6 gab es lange einfach nur Wälder, Seen und Einsamkeit zu sehen, fantastisch. Und da es so weit oben auch spät in der Nacht nicht dunkel wird, konnten wir die Gegend die ganze Zeit im Hellen geniessen. Stefan und ich wechselten uns mit Fahren ab, so dass jeder genug Zeit hatte, aus dem Fenster zu blicken.

Und dann – kurz nach halb ein Uhr nachts sahen wir IHN – DEN ELCH! Oder besser gesagt, die Elchdame. Das Tier stand ganz nah am Strassenrand und frass. Wir liessen das Auto auf der Strasse stehen und glotzten. Und so ging es ziemlich lange, fressen – glotzen – fressen – glotzen. Natürlich versuchten wir, ein paar Schnappschüsse zu machen, aber dazu war es dann doch nicht hell genug. Die Fotos sind leider alle unscharf. Aber als Beweise reichen sie, nur so zum sagen. Nachdem wir uns an der Elchdame satt gesehen hatten und sie auch genug von uns hatte, setzten wir unsere Fahrt fort. Nicht viel weiter weg sahen wir noch einen Elch auf der Wiese und bald darauf noch zwei. Das wimmelte ja geradezu von diesen Tieren. Innerhalb von knapp einer Stunde konnten wir insgesamt sieben Elche beobachten. Sieben fast auf einen Streich – was bin ich doch für ein tapferes Schneiderlein! Mich nimmt es nur Wunder, wie viel Stefan dem Tourismusverein zahlen musste, damit dieser die vielen Tiere extra für mich aufstellte….

Etwa um halb sechs Uhr morgens „überfuhren“ wir dann den Polarkreis. Die Gegend war ziemlich karg, es hatte Schnee und es war kalt. Trotzdem verliessen wir unser warmes Auto und unternahmen einen kleinen Spaziergang. Wären wir zwei Stunden später dort gewesen, hätte es gar einen warmen Kaffee gegeben. So mussten wir uns mit unserem Instantkaffee aus der Thermoskanne wieder aufwärmen.

Kurz vor acht Uhr kamen wir dann hier in Fauske an und wollten so rasch als möglich auf einem Campingplatz eine Hütte mieten und dann schlafen. Leider war die Reception nicht offen, so dass wir noch etwas in der Gegend herumfahren mussten. Als wir dann nach einer Hütte fragen konnten, hatten sie keine mehr frei. Also weiter zum nächsten Campingplatz. Dieser hatte dann noch „ledige hytter“, sauteuer zwar, aber immerhin mit Internetanschluss, Dusche und WC. Wir legten uns sofort hin und schliefen bis weit in den Nachmittag hinein.

Danach konnten wir es einfach nicht lassen und fuhren zu einem nahe gelegenen Waldgebiet, von welchem wir OL-Karten hatten. Gemeinsam liefen wir eine kurze Runde und staunten über das zum Teil ruppige, zum Teil wunderschön offene, mit Sümpfen durchsetzte Gelände. So in etwa sehen unsere Etappen am Midnattsolgaloppen aus. Ich freue mich darauf. Nun haben wir gegessen (Pølser med brø), sind schon wieder müde und werden wohl bald zu Bett gehen. Morgen geht es dann nach Sorreisa.

 

Mittwoch, 29. Juni 2011 

So, und jetzt kann ich bereits von der ersten Etappe des Midnattsolgaloppen berichten, wir hatten gestern Abend den Eröffnungslauf. Doch vorher müssen die Tage zuvor noch erwähnt werden, Stefan und ich hatten noch einige Erlebnisse, bis zum Start des diejährigen „Fjord-O Arctic“, wie der Anlass hier oben gerne genannt wird.

Am letzten Samstag fuhren wir relativ zeitig weiter. Wir hatten von Fauske aus noch rund 450 Kilometer Weg vor uns, also nicht mehr so viel, aber bei den tiefen Durchschnittsgeschwindigkeiten doch eine ganze Menge. Stefans „K.O.-Trainings“ zeigten bei ihm bereits die ersten Wirkungen, er hatte ziemlich starke Rückenschmerzen, so dass ich vorderhand das Steuerrad übernahm. Mir gefiel die Gegend, die wir durchfuhren sehr gut. Man merkte deutlich, dass die Vegetation im Vergleich zu Südnorwegen anders, eben viel karger war. Besonders gefielen mir die Strecken den Fjorden oder Küsten entlang. Die schroffen Felsen, die steil vom Wasser aufstiegen waren ziemlich imponierend. Immer mal wieder hielten wir kurz an und müllten unsere Fotoapparate mit unzähligen Bildern voll…

Einen kurzen Teil der Reise konnten wir mit einer Fähre zurück legen, so dass wir das Land einmal von „aussen“ betrachten konnten. Kein schlechter Anblick.

Gegen Abend kamen wir dann bei unserem Häuslein in Målsnes an. Målsnes liegt am Ende einer Halbinsel und ist nur auf einer ziemlich schlechten Strasse zu erreichen. Wozu man hier die Geschwindigkeit auf 60 beschränkt, ist mir ein Rätsel, schneller als mit 50 wagen wir uns nicht zu fahren… Wir wohnen praktisch am Wasser und haben einen herrlichen Ausblick auf die gegenüberliegenden „Berge“. Es ist schön hier, aber man kommt sich ein wenig vor, als ob man am Ende der Welt wäre.

Wider Erwarten fanden wir im äusserst modern und wunderschön eingerichteten Haus Internetanschluss, so dass wir wenigstens für eine Woche wieder mit der grossen weiten Welt verbunden sind.

Am Sonntag unternahmen wir eine Wanderung ins Fjell, welches gleich hinter unserem Haus beginnt. Da wir keine Wanderkarte dabei hatten, wussten wir nicht so recht, wie weit wir uns in die Wildnis hinein wagen konnten. Allerdings war rund ums Fjell herum Wasser, verlaufen hätten wir uns also nicht können. Das Fjell entpuppte sich als wahres Bijou, wir genossen das Gehen nach den vielen Autostunden sehr. Bei einem Sumpf entdeckte Stefan dann plötzlich Tiere, die wir hier gar nicht erwartet hatten: eine Rentiermutter mit einem Jungen. Nun war der Jagdinstinkt in uns geweckt und wir pirschten uns mutig vor, immer in der Hoffnung, ein paar Fotos knipsen zu können (schon nur wegen der Beweise, es gibt ja so einige Zweifler, die mir nur glauben, wenn ich alles mit Fotos belegen kann). Stefan gelangen ein paar gute Schnappschüsse, ich begnügte mich mit dem Finden eines Stücks Geweih.

Auf einer ziemlich offenen Fläche wurden wir dann ziemlich heftig von zwei Vögeln attackiert. Offenbar befand sich ihr Nest in der Nähe. Das war ziemlich eindrücklich. Die Vögel „griffen“ gemeinsam an und stürzten sich regelrecht auf uns. Knapp über unseren Köpfen drehten sie dann ab, um erneut anzugreifen. Erst, als wir uns entfernten, liessen uns die armen Vögel in Ruhe…

Nach der Wanderung hatten wir im Sinn, im Wettkampfzentrum die Startunterlagen zu holen, damit wir am Dienstag keinen Stress hatten. Stefan wusste wohin, ich fuhr. Beim vermeintlichen Wettkampfzentrum herrschte jedoch Totenstille , nichts, aber auch gar nichts wies darauf hin, dass in zwei Tagen ein Orientierungslauf mit rund 1‘000 Wettkämpfern stattfinden sollte. Das war schon etwas eigenartig und wir dachten kurz daran, dass wir vielleicht in einer völlig falschen Gegend wären…

Wir entschieden uns, unser Glück mit einem Training zu versuchen. Stefan hatte aus dem Internet Karten herauskopiert und wenn wir Schwein hatten, würden wir den Wald sogar finden. Dieses „Schwein“ hatten wir denn auch, nach einigem Herumfahren kamen wir ins Trainingsgebiet und konnten loshoppeln. Wir liefen wieder gemeinsam. Es war wunderschön, vor allem, als wir ins offene Fjell hinauf kamen. Da wir sogar richtige Trainingsposten fanden, wussten wir, dass wir uns doch nicht in der Gegend geirrt hatten. Nach rund 80 Minuten waren wir wieder beim Auto und ziemlich zufrieden mit dem Geleisteten. Es war auch schon spät, aber das merkt man hier oben nicht, weil die Sonne wirklich die ganze Zeit scheint.

Am Montag war dann mehr oder weniger Sightseeing angesagt. In der Nähe von uns gibt es einen imposanten Wasserfall, den wir begutachten wollten. Der Wasserfall war dann auch gewaltig, allerdings kommt er nicht an „unseren“ Rheinfall ran. Nach der eher touristischen Wasserfallbesichtigung ging es für einen kurzen Spaziergang noch einmal ins Fjell. Wir hatten ein Skigebiet ausfindig gemacht und wanderten dort ein wenig in der Gegend herum. Das Skigebiet muss ziemlich neu sein, mindestens die Hälfte der unzähligen Hütten befindet sich noch im Bau. Bezeichnend finde ich den Namen des Ortes: Fjellandsby (Bergdorf). Schön. Wir fragten uns bloss, wer um alles in der Welt mitten in die Pampa zum Skifahren geht. Hier wohnt ja niemand.

Stefan konnte es dann wieder nicht lassen und gab sein bestes, dem „K.O.“ noch näher zu kommen, er absolvierte ein weiteres Training, derweil ich mich ein wenig ausruhte. Ich denke, meine Methode ist langfristig die bessere, aber wir werden es sehen. Er war danach auf jeden Fall platt, ich durfte kochen, so geht das.

Nachdem wir dann erst um vier Uhr morgens ins Bett gingen (es ist wirklich blöd, bei strahlendem Sonnenschein schlafen zu gehen), standen wir gestern auch erst am Mittag auf (auch das ist blöd). Bis zur Abreise an den Wettkampf taten wir nicht viel, wir mussten uns ja schonen.

Stefan startete dann kurz vor sieben Uhr abends, ich zwanzig Minuten später. Endlich war ein Wettkampfzentrum aufgebaut und wir konnten unsere Startnummern holen. Mittlerweile hatte ein leichter Nieselregen eingesetzt, was jedoch zum Laufen sehr gut war. Beide hatten wir gute Läufe und waren im Ziel ziemlich zufrieden. An die Laufstärke der Nordländer kommen wir nicht ran, aber wir hatten praktisch keine Fehler, und das will in diesem Gelände schon etwas heissen. Nach ein wenig Smaltalk auf Norwegisch und Deutsch im Ziel fuhren wir auch schon wieder zurück, es war schon wieder spät.

Heute Abend wird noch später gestartet, da diesmal jedoch die Sonne wieder scheinen soll, macht dies gar nichts aus. Ich freue mich, heute ist Fjell-OL angesagt.  

 

Freitag, 1. Juli 2011 

Der letzte Monat meines Norwegenaufenthalts hat begonnen. Geht es nur mir so oder rast auch bei anderen die Zeit nur so durchs Weltall? Ich bin doch erst gerade in Stettlen abgefahren….

Die vier Läufe des Midnattsolgaloppen gehören bereits der Vergangenheit an, heute war die letzte Etappe, die „Fjord-Etappe“. Im Prinzip hätte man vom Laufgelände aus das Wasser in den Fjorden unten sehen können, doch weder Stefan noch ich kamen auf die Idee, dies während des Wettkampfs zu tun. Wir waren mit anderen Dingen beschäftigt, so zum Beispiel Posten suchen.

Der Fjell-OL am Mittwoch war auch ganz reizend. Stefan kam dank langer Bahn ziemlich weit ins offene Gelände hinauf und konnte dort seine Runden drehen, derweil ich mehrheitlich im doch schon waldähnlichen Gebiet unterwegs war. Erst nach 21 Uhr zu starten und dabei noch das volle Tageslicht zu haben, war ziemlich speziell, doch ich fand mich mit den Bedingungen gut zurecht. Leider war meine Variante zum ersten Posten nicht gerade die Idealroute, ich verlor da schon ziemlich viel Zeit und verspielte somit die Chance auf eine Spitzenklassierung. Aber, man ist schliesslich grosszügig und gönnt den anderen auch ab und zu den Sieg… Stefan meisterte seine ziemlich lange H21 Bahn ziemlich gut und war ziemlich zufrieden – ziemlich guter Lauf also…Gegen Mitternacht waren wir wieder daheim.

Aufgestanden sind wir gestern eher spät, irgendwie hat sich unser Rhythmus völlig verändert. Vor zehn Uhr ist mittlerweile mit uns beiden nichts mehr anzufangen. Danach eigentlich auch nicht viel mehr. Erst gegen Abend werden wir wieder munter. Da wir allerdings in Tromsø die dritte Etappe hatten, mussten wir schon kurz nach Mittag losfahren. Die Fahrt dauerte gut zwei Stunden. Das Wetter war nicht besonders nett zu uns, es regnete unterwegs zeitweise heftig. So zeigte sich Tromsø nicht unbedingt von der schönsten Seite. Wir schafften es, uns bei der Anfahrt zum Wettkampfzentrum zu verfahren, kein gutes Omen für den bevorstehenden Lauf (also ich war es, die Stefan in die falsche Richtung lotste). Bevor wir mit Rennen, Suchen und Fluchen begannen, leisteten wir uns einen City-Bummel durch Tromsøs Innenstadt. Dazu mussten wir zuerst vom Wettkampfgelände (der OL fand im Stadtwald auf der Insel statt, iiiihhh) in die Stadt hinunter laufen. Das dauerte lange und wir wären eigentlich schon jetzt müde genug für die Heimfahrt gewesen. Doch, brav wie wir nun einmal sind, spazierten wir wie Touristen durch die Stadt, assen zwei Mal wirklich grusiges Zeug und kauften Gummistiefel, da meine alten ziemlich brüchig und löchrig geworden sind (Florian würde jetzt sagen: „ich habe keine Ahnung, woher die Löcher in die Stiefel kamen…“).

Um halb acht Uhr war dann unser beider Start, meinen Lauf kommentiere ich besser nicht. Ich kann nur sagen, dass der Wald grün war, dass ich auf dem Weg zu Posten 5 zuerst Posten 9 und dann Posten 8 fand und dass ich ziemlich unmotiviert durch Farn, Sumpf, Kraut und Dickicht stapfte und den zwei Minuten langen Zieleinlauf verwünschte. Ich hätte es wissen müssen. Stefan war dafür zufrieden, sein Rückstand auf die Spitzenläufer hielt sich im gewohnten Rahmen.

Das einzig Positive am ganzen Tag war der Regen, denn dank ihm sahen Stefan und ich schon kurz nach der Abfahrt auf der Wiese zwei Elche. Diesmal konnte ich sie sogar filmen, das wird ein Welthit!

Nachtruhe war wie gewohnt weit nach Mitternacht, Weckzeit heute kurz vor Mittag. Mir könnte der Rhythmus gefallen.

Heute war die letzte und alles entscheidende Etappe. Noch einmal ging es nach Kjerkevik ins Gebiet der Läufe eins und zwei. Das Wetter hielt tapfer durch, bis wir am Besammlungsort ankamen, dann begann es zu regnen, wie eigentlich bei jeder Etappe, egal, wann wir starteten. Ob das etwas mit Stefan und mir zu tun hat???

Wie schon geschrieben war dies der Fjord-OL, für uns beide mit Abstand der interessanteste Wettkampf der letzten vier Tage. Wir durften noch einmal unser ganzes OL-Können auspacken, respektive hätten es tun sollen. Weder Stefan noch ich kamen ohne Fehler durch und hatten so mit dem Gesamtsieg nichts mehr zu tun J. Seien wir ehrlich, wir hätten in unserem kleinen Auto auch gar keinen Platz für die riesigen Siegerpokale gehabt (wen es interessiert: www.fjord-o.no/2011).

Sobald wir im Auto sassen und nach Hause fuhren, hörte der Regen übrigens wieder auf, es hat wohl doch etwas mit uns zu tun!

Morgen müssen wir unser Haus leider schon wieder verlassen, wir haben es hier genossen. Wir werden nach Sørreisa fahren und uns dort von den anstrengenden Tagen erholen. Das heisst, wir werden wandern, essen, schlafen. So schön sollte man es haben!

 

Montag, 4. Juli 2011 

Die Amerikaner feiern heute ihren Indipendence-Day, wir hatten es aber auch ganz schön. Und vor allem ganz schön lange. Bereits um halb neun Uhr am Morgen war Abfahrt zum Abenteuer „Senja“. Nun ist bereits halb zehn Uhr abends, und wir sind immer noch nicht daheim. Dafür am Internet!

Am Samstag verliessen wir unser hübsches Haus in Målsnes und fuhren ziemlich direkt nach Sørreisa. Eigentlich dachten wir, bei Helgesens nur rasch die Schlüssel für die Hütte zu holen, doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Wir waren kurz nach elf Uhr bei den neuen Freunden aus dem hohen Norden und wurden herein gebeten. Im Haus lernten wir zuerst einmal Ivars Frau Eli und dann zwei amerikanische OL-Kollegen kennen. Die beiden, Eric und Kevin hatten auch am Midnattsolgaloppen teilgenommen und waren bei Helgesens untergebracht. Es gab Kaffee und Kuchen, wir konnten nicht anders als uns an die gedeckte Tafel zu setzen. Wieder einmal erlebte ich norwegische Gastfreundlichkeit, die sich so sehr vom Klisché des „Norwegischen Wikingers“ unterscheidet. Es war eine gemütliche Runde, gesprochen wurde ein Mischmasch aus Englisch und Norwegisch, das Thema war natürlich – Orientierungslauf. Als wir endlich aufbrachen, war es später Nachmittag. Ivar, Eli und die beiden Amerikaner fuhren uns zur Hütte voraus, ich glaube, ohne Hilfe hätten wir sie nie gefunden…. Wir fuhren, fuhren, fuhren, die Strasse wurde schlechter und schlechter. Irgendwann konnten wir anhalten und die Hütte begutachten – ein Traum mitten in der Wildnis. Eigentlich wollten wir hier nur die Clubhütte von Sørreisa O-Lag mieten, nun bekamen wir die Privathütte von Helgesens. Sie ist urgemütlich, hat zwar weder Strom noch fliessend Wasser, doch dies stört uns überhaupt nicht. Viel wichtiger ist die Umgebung. Und die ist der Hammer. Soweit man sehen kann, blickt man auf Seen, Birken, Sümpfe und mit Schnee bedeckte Fjells. Ich glaube, der Anblick kommt dem Paradies schon ziemlich nahe.

Nachdem sich unsere Gastgeber verabschiedet hatten, assen wir noch eine Kleinigkeit (Lachs, was denn sonst) und gingen bald einmal schlafen. Gestern standen wir nicht so früh auf. Viel hatten wir eigentlich nicht vor, dachten wir. Wir wollten von der Hütte aus nach Sørreisa wandern und uns dort im Internet den ersten Wettkampf von Florian anschauen. Florian ist im Moment in Polen und nimmt an den Juniorenweltmeisterschaften teil. Gestern war Sprint.

Kurz vor Mittag liefen wir los. Die Wanderung führte uns durch das bereits oben beschriebene Gebiet. Ich weiss, ich wiederhole mich wirklich massiv, aber, die Umgebung war einfach beeindruckend. Irgendwie ist es schon ein bisschen gemein. Die Norweger haben solche Landstriche fast zum versauen, wir in der Schweiz können sie fast an einer Hand abzählen. Ich genoss die dreieinhalb Stunden bis zu Helgesens Haus sehr, aber, ich war danach ziemlich müde. So schön es ist, durch die Sümpfe zu gehen und Hügel zu erklimmen, es geht ganz schön an die Substanz.

Beim „Internet“ angekommen, schlossen wir unseren Laptop an und konnten so das Sprintrennen live mitverfolgen. Ivar war noch professioneller als wir, er hatte eine komplette Startliste ausgedruckt und notierte sich gar die Zwischenzeiten. Er meinte dann auch lächelnd, er wäre halt OL-Profi und kein Amateur. Wenn man es von der Kartenherstellung her betrachtet, stimmt dies auch zu hundert Prozent. Die Karten, die Ivar herstellt , sind schlicht genial.

Florian lief ein gutes Rennen, war aber auch nicht überragend. Aber, er hat noch Zeit, immerhin ist er zum Teil zwei Jahre jünger als die Konkurrenz.

Der Rückweg dauerte dann noch einmal zweieinhalb Stunden, als wir bei der Hütte ankamen, waren wir ganz schön platt. Mehr als Lachs und Reis essen lag nicht mehr drinn, wir gingen früh schlafen.

Und früh standen wir heute auf, wir hatten einen Tag voller Pläne vor uns. Es sollte wie geschrieben auf die Halbinsel Senja gehen. Also, wer noch nie dort war, der hat eindeutig etwas verpasst. Ich dachte bisher, schon der Süden Norwegens sei ein Traum, was der Norden allerdings zu bieten hat, lässt sich fast nicht beschreiben. Senja bietet alles, was das Herz begehrt. Wir bestiegen hohe Berge, sahen steile Felsen hinunter, schwammen im Meer (brr, das war saukalt, aber ich musste es einfach tun), reisten den Küsten entlang, schmachteten in der Sonne und genossen Land und Meer total. Zusammen machten wir über 200 Fotos, wer soll das alles jemals sehen? Es war ein fantastischer Tag, aber eben, wir sind müde. Und nun will Ivar unbedingt, dass wir noch etwas von seiner heute gefangenen Forelle oder so essen, ich muss aufhören, denn da kann ich nicht widerstehen.

 

Donnerstag, 7. Juli 2011 

Streckenmässig liegt eine immense Distanz zwischen dem letzten Eintrag vom Montag und heute. Stefan und ich sind auf der Insel „Runde“ gelandet und sind gerade von der ersten  Suche nach den „Papageitauchern“ zurück gekommen. Wir konnten ein paar dieser niedlichen Vögel beobachten, leider war es zum Fotografieren zu dunkel. Seit wir hier sind, hat es bereits tüchtig geregnet. Das war bisher anders.

Am Dienstag war fast so etwas wie Ruhetag angesagt. Wir schliefen tüchtig aus, assen tüchtig etwas zum Frühstück und waren sonst nicht sehr tüchtig. Als einzige körperliche Betätigung leisteten wir uns eine „Kurzwanderung“ auf den Haushügel „Reinskallen“. Elin hatte uns gesagt, dass sie mit orangen Bändeln einen Weg markiert hätte, der uns hinauf führen sollte. Da wir aber eine Tourenkarte dabei hatten, folgten wir diesen Bändern allerdings nur sporadisch. Obwohl wir insgesamt nur drei Stunden unterwegs waren, waren wir von der Gegend fasziniert. Von vielen Ecken aus konnten wir fast rundherum in die Fjorde hinunter schauen. So sahen wir auf der einen Seite Sørreisa und andere Küstendörfer, auf der anderen Seite „unsere“ Halbinsel Målsness, allerdings nicht ganz bis zu unserem vorherigen Haus. Das Wetter war wunderschön warm, die Wanderung wirklich ein Genuss.

Gegen Abend mussten wir dann schon die Abreise vorbereiten, das heisst, wir packten alles, was wir konnten ins Auto und reinigten die Hütte, so gut es eben ging.

Gestern ging es sehr früh los. Kurz nach sieben Uhr morgens war das Auto gepackt, alles geputzt und wir zur Abfahrt bereit. Um acht Uhr gaben wir die Schlüssel bei Helgesens ab und bedankten uns herzlich für ihre Gastfreundschaft. Als ich Ivar sagte, dass es nicht selbstverständlich sei, zwei bisher fremden Menschen einfach so die eigene Hütte anzuvertrauen, lachte er nur und meinte, wir seien doch OL-Läufer…. so einfach ist das. Ich hoffe, dass wir unsere neuen Freunde wieder einmal sehen!

Vor uns lag nun diese lange Reise. Laut Routenplaner sollte sie 22 Fahrstunden dauern, wir hatten dann 25. Aber, wir hatten Zeit und konnten so die Küstengegend und später auch Teile vom Land noch einmal richtig geniessen. Das Wetter zeigte sich anfangs etwas garstig, es hatte Wolken. Je weiter wir allerdings gegen Süden fuhren, desto mehr kam die Sonne hervor. Bereits kurz nach Narvik war es im Auto fast unangenehm warm. Dank der Sonne gab es dann auch mehrere ungeplante Stopps, wir mussten einfach ein paar Fotos knipsen. Bei der Fahrt hinauf vor etwas mehr als einer Woche klebten viele Wolken am Himmel, so dass es nicht so viele Bilder von der Reise gibt (allerdings immer noch viel zu viele).

Besonders gefallen an der jetzigen Fahrt hat mir die Gegend um den Polarkreis. Ich war endlich wach, die Sonne schien, man konnte die karge Landschaft richtig geniessen. Natürlich mussten wir dann am Polarkreis selber noch einmal anhalten und die Nebelfotos von früher verbessern. Wir sahen dann auch ein riesiges „Steinmännlifeld“, welches beim ersten Mal gar nicht aus dem Nebel aufgetaucht war. Diesmal hatte es allerdings viel mehr Volk am Polarkreis…

Gegen Abend und die Nacht durch hatte es dann gottlob nicht mehr so viel Verkehr auf der Strasse, so dass es flott hätte voran gehen können. Ich schreibe hätte, denn es ging nicht flott voran. Schuld am Ganzen waren die – ELCHE… Wir wollten eigentlich schon ziemlich enttäuscht die Hoffnung auf weitere Elche am Strassenrand aufgeben, als es sie fast schon ein wenig „herbei schneite“. Kaum erblickten wir das erste Tier kurz vor Mitternacht, kamen wir fast nicht mehr zur Ruhe. Um ein wenig Ordnung in meine „Elchsammlung“ zu bekommen, begann ich, die Uhrzeit zu notieren, wenn wir wieder auf einer Wiese einen Elch erblickten. Das kam dann so weit, dass ich nicht mehr wusste, ob ich schreiben, fotografieren oder filmen sollte, ich hätte alles gleichzeitig tun müssen. Eine richtige Elchinvasion war es, innerhalb kurzer Zeit erblickten, filmten und fotografierten wir acht dieser imposanten Tiere! Wow! Elche sind also doch keine Sagentiere und nur erfunden, um mich zu ärgern!

Ab fünf Uhr morgens hörten die Elche auf, dafür begannen die Fähren. Will man der Küste entlang fahren, hat man zwei Möglichkeiten: entweder nimmt man Strassen und somit riesige Umwege in Kauf, oder man hüpft von Fähre zu Fähre. Wir wählten die zweite, eindeutig teurere aber schnellere Variante. Auf den Fähren hatten wir zudem die Möglichkeit, uns ein wenig von der Fahrerei zu erholen, die schlaflose Nacht setzte uns mächtig zu.

So waren wir ziemlich froh, als wir gegen elf Uhr heute Morgen auf Runde ankamen. Unser „Lotsenhaus“ war für uns bereit und wir konnten einziehen. Das Haus ist ein Hit. Eben als Lotsenhaus für die Schiffe gebaut, steht es weit draussen auf der Insel, rund herum gibt es noch ein paar Felsen, Schafe und das Meer. Der Wind blies bereits einmal kräftig, man spürt die Naturgewalt in diesem kleinen Haus extrem. Wir haben hier keine Dusche, sonst aber jeden Komfort, den man sich wünschen kann, und dies auf etwa 20 Quadratmetern….

Die Klippen mit den Papageitauchern liegen ganz nahe von unserem Nachtquartier, man muss einfach ziemlich weit hoch steigen, damit man dann hinunter gucken kann. Es war faszinierend, den Vögeln beim An- oder Abfliegen zuzuschauen. Ich hoffe, wir entdecken morgen noch ein paar mehr. 

 

Mittwoch, 13. Juli 2011 

Da es im Moment nicht so einfach ist, Internetanschluss zu finden, kommen die Berichte in Zukunft etwas spärlich. Das will aber nicht heissen, dass wir nicht jede Menge toller Erlebnisse haben. Ich denke, dieser Bericht wird einfach ein wenig länger. Also, macht euch einen Kaffee bereit, setzt euch bequem hin und lest!

Am Freitag war das Wetter auf Runde einigermassen gut, so dass wir uns einen längeren Spaziergang zu den Vögeln vornahmen. Bevor es allerdings wieder den „Hügel“ hinauf ging, hielten  Stefan und ich es ziemlich lange am Internet aus. An der JWOC war der letzte Wettkampf, die Staffel angesagt. Florians Team hatte sich ein Diplom zum Ziel gesetzt, und wir waren mächtig gespannt, ob sie dieses bei der starken Konkurrenz erreichen würden. Sowohl das Damen- als auch das Herrenrennen wurden extrem spannend. Beide Teams hätten gut und gern eine Medaille gewinnen können, am Schluss resultierte ein 4. Platz bei den Damen und ein 6. Platz, also ein Diplom bei den Herren. Mit diesen Resultaten konnten wir sehr gut leben (Gratulation noch an dieser Stelle für eine super tolle JWOC-Woche an Florian, der übrigens am Donnerstag in der Mitteldistanz hervorragender 19. wurde!) und so begannen wir unseren Inselrundgang.

Tagsüber sieht man keine Papageientaucher, dafür jede Menge anderer Vögel. Wir genossen es vor allem, den Basstölpen bei ihren Landeanflügen an den steilen Klippen zuzuschauen. Möwen gab es natürlich zu Hauf, vor allem Raubmöwen und Dreizehenmöwen. Auch sahen wir den Tordalken etwas zu. Alles in allem hielten wir es vier Stunden aus, ich fühlte mich schon ein wenig als Hobbyornithologin, allerdings fehlte mir das grosse Stativ auf dem Rücken….

Am Abend ging es noch einmal zu den Klippen, die Papageitaucher liessen sich jedoch fast nicht blicken. Es wehte ein eisiger Wind, vielleicht hockten alle bereits in ihren warmen Nestern. Fast ohne Foto mussten wir den Heimweg antreten.

Am Samstag ging es dann schon weiter. Førde war unser nächstes Ziel. Die Reise dorthin war kurzweilig. Zwei Mal mussten wir mit Hilfe einer Fähre einen Fjord durchqueren, oft fuhren wir am Wasser entlang und „schraubten“ uns so gemütlich gegen Süden. Kurz vor vier Uhr waren wir dann in Førde und gingen erst einmal einkaufen. Auch wollten wir uns im Touristcenter nach einem möglichen Internetanschluss und OL-Karten erkundigen. Leider war es ziemlich schwierig, das Touristcenter zu finden, so dass wir erst dort eintrafen, als es bereits geschlossen war…nichts mit Internet….nichts mit OL-Karten, dachten wir.

Doch, wie es der Zufall so will, dank einer SMS von Hege in Vikersund erhielt ich eine Telefonnummer und diese verhalf uns zu vielen OL-Karten. Der Inhaber der Telefonnummer war nämlich der Präsident des hiesigen OL-Klubs, und er lud uns spontan zu sich ein, um ein paar Karten zu holen. So kam es, dass wir spätabends, nach dem Bezug unserer neuen, wunderschönen Hütte noch einmal losfuhren und mit vielen Karten zurück kamen. Stefans Seelenleben war gerettet, hurra!

Am Sonntag ging es dann bereits auf die erste Karte. Stefan setzte am Morgen Posten, ich lief sie am Nachmittag an. Das Gelände ist einmal mehr traumhaft schön. Sehr offen, sehr nass, und doch sehr schnell. Ich war erstaunt, wie leicht mir die Postensuche viel und wie schnell ich wieder im Ziel war. So dürfte OL für mich immer sein…

Am Montagmorgen um halb neun Uhr hatte Stefan noch einmal eine „Verabredung“ mit dem OL-Präsidenten und kam freudestrahlend zurück, in der Hand vier Exemplare der Karte „Digernesvatnet“, einem gewaltig grossen Papier. Wollten wir diese Karte voll auskosten, müssten wir wohl monatelang hier bleiben… Am Morgen testeten wir noch kurz, ob es mit dem Internet in der Bibliothek denn auch wirklich klappen würde, und als wir dies bestätigt bekamen, waren wir ziemlich zufrieden.

Für mich wurde der der Rest des Montags dann eher ein ruhiger Tag, ich hatte ein wenig Magenprobleme und beschloss, meinen Magen beim Lesen etwas zu entspannen. Stefan ging noch einmal ins Gelände.

Gestern dann wurde die Karte „Digernesvatnet“ eingeweiht. Und zwar so, dass ich einsehen musste, dass man keine Monate braucht, um fast die ganze Karte gesehen zu haben. Wir unternahmen gemeinsam eine OL-Wanderung und liefen kreuz und quer durchs Gelände. Das Wetter war fantastisch, der Wald auch. Die einzige Schwierigkeit bot die Brücke am Fluss, respektive die nicht mehr vorhandene Brücke. Bis zur Hälfte war sie noch intakt, danach gab es nur noch Wasser. Es blieb uns nichts anderes übrig, als unsere Gummistiefel und Socken auszuziehen und mit blossen Füssen durchs Wasser zu waten. Erstaunlicherweise war das Wasser nicht kalt. Die zweite Brücke auf dem Rückweg war dann zum Glück noch ganz, hier hätte ein wenig Wassertreten nicht gereicht, um den Fluss zu durchqueren. Insgesamt bewegten wir uns 5 ½ Stunden durch dieses fantastische Gelände und waren am Schluss ziemlich müde, aber extrem zufrieden.

Heue war dann noch einmal ein Wandertag angesagt. Diesmal wollten wir hoch hinauf, auf den „Storehesten“, das grosse Pferd. Im Touristcenter hatten wir am Montag einen Kartenausschnitt dieses Berges erhalten und zugleich erfahren, dass erst vor zwei Wochen ein Berglauf dorthin stattgefunden hatte. Der Sieger benötigte für die 11 Kilometer und 1200 Steigung eine Stunde drei Minuten. Wir wollten etwas länger Zeit haben, dafür nur etwa 6 Kilometer gehen und 900 Höhenmeter bewältigen. Als wir unser Auto parkierten ragte das grosse Pferd wild und drohend über uns… (das war auf jeden Fall so, wie ich Angsthase es empfand…) Der Aufstieg war dann wirklich kein Problem, ich meisterte sogar die Seilstellen mühelos. Wirklich gefährlich war es nie, trotzdem war ich ziemlich stolz, als ich den Gipfel erreichte. Die Aussicht auf dem Gipfel war fantastisch: auf der einen Seite konnte man weitere Berge und auch einige Gletscher sehen, auf der anderen Seite sah man bis ins Meer hinunter. Gewaltig. Man ist mitten im Gebirge und trotzdem fast am Meer.

Nach insgesamt viereinhalb Stunden waren wir wieder beim Auto, wieder etwas müde, aber noch zufriedener als gestern. Und morgen soll es dann einen ruhigen Tag geben, das heisst, wir wollen nur wenig laufen, uns dafür einen See suchen und vielleicht sogar etwas baden. Wäre auch mal was.  

 

Freitag, 15. Juli 2011 

Also, das mit dem ruhigen Tag am Donnerstag war dann doch nicht so. Irgendwie hatten wir einfach keine Lust, nur da zu sitzen und uns von der Sonne bräunen zu lassen. Vor allem ich wollte Action, das Wetter war einfach zu schön. Stefan (obwohl vom vielen Trainieren und Wandern ziemlich K.O….) musste ich gottlob nicht lange zum anvisierten Abenteuer überreden… es ging zum Briksdalsbreen, einem Gletscher!

Übrigens feierte am 14. Juli nicht nur ganz Frankreich den Nationalfeiertag, sondern auch mein Vater seinen 75. Geburtstag! Gratulerer med dagen!

Die Fahrt ins Oldedalen, an dessen Ende der Gletscher beginnt oder aufhört, je nachdem, wie man es betrachtet, dauerte ziemlich lange. Da wir erst um 11 Uhr von der Hütte losfuhren und in Førde noch eine gute Stunde im Internet herumhingen, war es schon nach drei Uhr, als wir ganz hinten im Tal ankamen. Es war ein abenteuerliches Herumkutschieren, die Strasse am Fjord entlang zum Teil kriminell eng und ziemlich kurvig. Am Ende des Ingvikforden, im Hafen vor Olden sahen wir ein gewaltiges Kreuzfahrtschiff. Wir wunderten uns, wie es durch den engen Fjord überhaupt dorthin gekommen ist, und wie es denn für die Rückfahrt wenden konnte. Das Schiff hiess „MSC Poesia“, es war genau das Gleiche, mit welchem meine Eltern im letzten Oktober nach Amerika fuhren. Die Welt ist klein…

Beim Parkplatz zum Gletscher herrschte reger Betrieb, wir hatten Glück, so spät am Nachmittag noch parkieren zu können. Das konnte ja heiter werden. Wie wir dann sehen konnten, wurde der Gletscher geschickt vermarktet. Es gab zwei Restaurants, ein Hotel, einen Campingplatz und einen riesigen, völlig überteuerten Souvenirshop. Und dieser war gerammelt voll. Wie es wohl beim Gletscher aussehen würde??

Der Weg hinauf war angenehm zu gehen, doch sowohl Stefan als auch ich spürten die Wanderung vom Vortag, wir waren ziemlich müde (Stefan war ja K.O. Er meinte übrigens vor der Abfahrt, noch etwas für die Beine tun zu müssen und rannte noch eine gute Stunde um unsere Hütte herum, bzw. zog ein paar Posten wieder ein).

Auf dem Weg kamen uns dann riesige Menschenmassen entgegen, der Sprache nach alles Spanier, den Klebern auf den T-Shirts nach alle von der MSC Poesia. Hoffentlich hatten die nicht die ganze Schiffsladung zum Gletscher kutschiert. Man konnte nämlich fast ganz bis zur Gletscherzunge mit so kleinen Autölis hinfahren, und dies taten eine ganze Menge Touristen. Die ganze Zeit mussten wir beim Wandern aufpassen, von diesen Gefährten nicht überfahren zu werden… Da uns so viele Menschen beim Hinauflaufen entgegen kamen, war der See unterhalb des Gletschers anfänglich fast menschenleer. Die „Poesia“ hatte wahrscheinlich nicht lange Landurlaub gewährt. Es war eindrücklich, die gewaltige Eismasse, die wirklich noch knapp bis zum See reichte, zu betrachten. Und eindrücklich war auch das Wissen, dass noch vor wenigen Jahren viel, viel mehr Eis zu sehen war.

Als nach einer Weile eine Busladung Japaner beim See auftauchte, verzogen wir uns wieder, wir hatten es eindeutig verpasst, hoch zu gehen, als die Schweizer an der Reihe waren.

Als wir die schmale Talstrasse hinter uns gelassen hatten und wieder zum Fjord gelangt waren, sahen wir, dass es der MSC Poesia tatsächlich gelungen war, zu wenden, denn sie fuhr gerade ab, und mit ihr massenhaft Spanier.

Daheim waren wir erst kurz vor acht Uhr, für einen Ruhetag war es doch ganz anstrengend geworden, Stefan und ich waren müde und gingen bereits um zehn Uhr schlafen.

Und wir leisteten uns ziemlich viel Schlaf, denn wir standen am Freitag erst um halb zehn Uhr auf… Da es noch einmal ein schöner, sonniger Tag werden sollte, wollten wir es an diesem Tag mit Baden versuchen. Vorher jedoch hatten wir noch im Sinn, ein paar OL-Posten anzulaufen. Es hingen ja noch einige, die wir bei der OL-Wanderung gesetzt hatten. Diesmal fuhren wir ziemlich nahe ins OL-Gelände, damit wir uns erst beim Rennen K.O. machen konnten. Wäre sonst ja nicht lustig gewesen. Stefan hing für mich noch ein paar neue Posten und lief dann vor mir los, um seine Runde zu drehen. Ich folgte mit 10 Minuten Abstand, und sammelte meine Posten auch gleich ein. Wäre ich schnell genug gewesen, hätte ich es geschafft, die Posten einzuziehen, bevor Stefan dort gewesen wäre, und er hätte dann ganz dumm aus der Wäsche geschaut. Ich war nicht schnell genug.

Nach unseren Trainings gab es dann endlich das wohlverdiente Bad. Natürlich ist auch dies zwecks Beweis fotografisch dokumentiert. Der Digernesvatnet war erstaunlich warm, so dass ich mich lange darin aufhielt. Das will einiges heissen, denn sogar ich selber nenne mich gerne „Frostbeule“…

Am Abend begannen wir dann bereits mit dem Packen. Unsere Vermieterin wollte nicht erst am Samstag kontrollieren, wie wir gehaust hatten und schaute noch kurz vorbei. Es schien alles in Ordnung, wir plauderten noch ein Weilchen miteinander und verabschiedeten uns fast schon wie Freunde.

Heute galt es dann, die Hütte sauber zu putzen und früh genug los zu fahren. Wir haben zwar nicht mehr so weite Wege vor uns, doch wir wollen es gemütlich nehmen und noch einiges besichtigen, so zum Beispiel die Stabkirche Borgund, „Norges best bevarte Stavkirke“.

Unser Ziel ist Tunhovd. Wir haben dort wieder für eine Woche eine Hütte gemietet. Die Gegend soll ein Traum für jeden vernünftigen (oder auch unvernünftigen) OL-Läufer sein. Wir werden es sehen. Allerdings kann es sein, dass es dort nichts wird mit Internet. Dann kommt der nächste Bericht erst in einer Woche – aus Vikersund….  

 

Mittwoch, 20. Juli 2011 

Ja, das mit dem Internet war wirklich nicht so einfach. Wir sind im Moment dermassen abseits von jeglicher Zivilisation, dass wir bisher wirklich kein „world wide web“ auftreiben konnten. Schön zu sehen, dass es auch ohne geht. Spannend waren die vergangenen Tage allemal, trotz Regen, vielen Mücken und keiner Dusche…

Die Reise am Samstag war, wie schon angetönt nicht lange, dauerte jedoch lange. Da wir ziemlich bergige Strecken zu bewältigen hatten, konnte wir selten die angestrebten 80 Stundenkilometer fahren. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit pendelte sich an diesem Tag bei 55 km/h ein. Die Fjellstrassen ähnelten unseren Passstrassen extrem, mit dem einzigen Unterschied, dass man, wenn man sich wieder nach unten geschlängelt hatte, plötzlich wieder am Meer, respektive an einem Fjord ankam. Ich finde diese Gegensätze einfach grandios.

Zwei Mal nahmen wir eine Fähre, was ich auch immer genoss, ich wusste gar nicht, dass es mir auf dem Wasser so Spass machen kann (ich muss ja nicht unbedingt rein…).

In Kaupanger besichtigten wir die erste von zwei Stabkirchen. Ich fand diese noch ganz schön, Stefan meinte, diejenige von Borgund wäre viel prächtiger. Kurze Zeit später konnten wir uns dann davon überzeugen. Obwohl eigentlich beide Kirchen eher klein waren, war die Stabkirche Borgund reichhaltiger verziert und gab mehr her. Diese besichtigten wir auch noch von innen, was uns zusammen 150 Kronen wert war. Eigentlich Wucher, aber wenn das Geld für die Instandstellung dieser wunderbaren Bauwerke benutzt wird, reut es mich nicht. In einer Ausstellung konnten wir dann einiges über die Geschichte der Stabskirchen lesen, das war interessant.

Das letzte Wegstück legten wir dann nur noch mit einer Einkaufspause zurück, so dass wir kurz vor halb acht Uhr abends bei der Hütte ankamen. Die letzten paar Kilometer fuhren wir nur noch auf Schotterpisten, irgendwo ins „Juhee“ hinauf. Wir hofften einfach, dass hier die Welt nicht ganz aufhörte. Sie tat es nicht, der Zugangscode, den ich ein paar Tage vorher erfragt hatte, stimmte, und so konnten wir unsere neue Behausung beziehen. Wir wohnen nun nach dem Motto „zurück zur Natur“. Es hat Strom und kaltes fliessendes Wasser, und damit ist der ganze Komfort zu Ende. Duschen können wir uns an irgendeinem Bach oder mit Hilfe des ergiebigen Regens, das Plumps-Klo liegt in einer Nebenhütte, als Kühlschrank dient uns ein Bächlein. Aber, wir haben es warm und urgemütlich, auch hier lässt es sich aushalten.

Am Sonntag wanderten wir trotz leichtem Dauerregen gut dreieinhalb Stunden auf der OL-Karte „Ljøtelende“ herum und warfen ein paar Posten in den Wald. Leicht fiel uns das Werfen allerdings nicht, denn wir hatten zum Teil Mühe, das Ziel auf Anhieb zu finden. Die Karte hat teilweise kein ausgeprägtes Relief, wenig Wege und nur ein Bruchteil aller herumliegender Gesteinsbrocken ist eingezeichnet. Hier den richtigen zu finden war schon fast ein Meisterstück. Aber, der Wald war wunderschön. Wir liefen stellenweise auf dicken Rentierflechten und fühlten uns wie auf Watte. Die Flechten blendeten auch fast, trotz Regen hatte ich ständig das Gefühl, die Sonne würde scheinen.

Zwei Mal tauchten vor uns Elche auf, doch als sie uns erblickten, ergriffen beide Tiere relativ schnell die Flucht. Ich war leider zu langsam, sie zu fotografieren. Aber, nun waren es schon 20 Elche, die ich seit Ende April in Norwegen gesehen habe. Welch stattliche Zahl!

Am Montag war das Wetter so gut, dass wir uns entschlossen, von der Hütte aus wandern zu gehen. Wir hatten schon in Vikersund eine Wanderkarte dieser Region gekauft, wäre ja schade gewesen, hätten wir sie nicht ausprobiert. Stefan ging voran, ich brav hinterher, wir sind mittlerweile wandermässig (und auch sonst) ein eingespieltes Team. Am Anfang ging es oft quer durch Sümpfe und Erikastauden, sehr oft konnten wir allerdings einen Weg benutzen. Die Sümpfe waren so weich, und die Stauden so holprig, dass das Gehen auf Wegen als richtiges Wellnesstampfen angesehen werden konnte. Nach knapp einer Stunde erreichten wir wohl den höchsten Gipfel des Tages, den „Såtenatten“ (1137 m.ü.M.).Von dort oben hatte man eine extrem weite und schöne Aussicht in alle vier Himmelsrichtungen. Wir sahen eine gewaltige Ebene, viele Berge im Hintergrund und noch mehr Seen. Als wir wieder einmal den Weg verliessen, scheuchten wir eine Elchkuh und ihr Junges auf. Das war ein toller Anblick, leider war ich vorher so in Gedanken versunken, dass auch diesmal mein Finger nicht schnell genug auf dem Auslöser der Kamera war. Nach gut dreieinhalb Stunden waren wir wieder in der Hütte und taten dies, was wir uns schon so oft vorgenommen hatten und nie ausführten, wir taten nichts.

Gestern dann war endlich wieder einmal ein richtiges OL-Training angesagt. Die Posten sollten vom Sonntag her noch im Wald versteckt sein, das Wetter war OL-mässig windig, so dass wir uns auf ein lockeres Traben freuten. Als erstes freuten wir uns im Wald erneut an den dichten Rentierflechten, allerdings merkten wir schnell, dass man darauf auch sehr gut ausrutschen kann. Mein Trainingslauf war gar nicht so schlecht, erstaunlicherweise kam ich mit Karte und Wald bestens zurecht und suchte nur gerade einen Posten, und diesen auch nur, weil ich mich nicht besonders konzentrierte sondern dachte, den finde ich dann schon irgendwo. Na ja, gerade das funktioniert in so einem Wald nicht. Stefan war nicht viel länger als ich unterwegs, so dass wir uns bereits am frühen Nachmittag wieder auf den Heimweg machen konnten. Und dann spielten wir ein wenig verkehrte Welt… Stefan verschanzte sich nämlich hinter seinem Buch (Jo Nesbø, Leopard), was sonst immer ich tue und ich sass am PC und lief einen OL nach dem anderen in einem interaktiven OL-Spiel (Catching Features), was sonst eines von Stefans Hobbies ist.  

 

Samstag, 23. Juli 2011 

Immer wieder ist es nicht so einfach, lustige Berichte über meine Erlebnisse zu schreiben, wenn man ziemlich abrupt in den Alltagswahnsinn zurück geholt wird. Wahnsinn ist wirklich das richtige Wort, wenn man an das brutale Attentat hier in Norwegen denkt. Gestern mussten wir hören, dass es in Oslo und auf der Insel Utøya Attentate mit fast einhundert Toten gegeben hat. Ich werde trotzdem versuchen, ein wenig Rückschau zu halten.

Die „zurück-zur-Natur-Woche“ liegt auch schon wieder in der Vergangenheit. Mal schauen, ob es noch einmal so eine Woche zum Schluss gibt, denn die Beschreibung der nächsten Hütte ist derjenigen der jetzigen nicht unähnlich… Schön wäre es, wenn wir wenigstens eine Dusche und einen Kühlschrank hätten. Aber, es geht auch ohne.

Gemäss dem oben erwähnten Motto, hielten Stefan und ich uns auch in den letzten beiden Tagen oft in der Natur auf. Einmal bei wunderschönem, warmen Sommerwetter, gestern bei typischem Norwegen-Wetter, im Regen.

Den sonnigen Tag verbrachten wir ausnahmsweise nicht mit OL…. Und genossen ihn trotzdem, schau an…

Wir fuhren fast ganz an unserem OL-Wald vorbei und bogen erst in letzter Minute doch noch darin ab, aber eben, nicht um zu rennen. Ziemlich weit oben lag der Tierpark Langedrag, und den wollten wir besuchen. Beim Parkplatz merkten wir, dass wir wohl nicht die einzigen waren, die das schöne Wetter nutzten, um Tiere zu beobachten. Obwohl der Park noch nicht lange geöffnet hatte, standen schon einige Autos herum. Das hiess wohl auch, dass schon einige Besucher im Tierpark drinnen waren und ziemlich sicher ein arges Gedränge herrschte. Für einmal konnte uns dieser schauerliche Gedanke nicht davon abhalten, ebenfalls ins Gedränge zu steigen. Wir kauften brav unsere Eintrittsbillets und machten uns auf die Suche nach wilden Tieren. Gemäss Beschrieb sollten wir auf Polarfüchse, Rentiere, Luchse, Wölfe, Wildschweine, schottische Hochlandrinder, Pferde, Ziegen, Enten und Elche stossen. Vorerst stiessen wir lediglich auf hohe Gitterzäune, hinter denen wir höchstens Tiere vermuten konnten. Es sah eher nach Gefängniszäunen denn nach Tiergehegen aus…

Das Menschengedränge blieb gottlob aus, das Parkgelände war gross genug, dass man sich nicht ständig gegenseitig auf die Füsse trat.

Bei den Luchsen dann sahen wir ausser hohem Gras nichts. Ebenso bei den Polarfüchsen und Rentieren. Das Tor der Hochlandrinder war offen, die waren also schon auf dem Weg nach Schottland. Wo blieben die Tiere nur? Die vielen Ziegen, die uns überall auf den Wegen begegneten, waren ja niedlich, aber so richtig wild sahen sie halt schon nicht aus… Tapfer liefen wir weiter. Und endlich, das erste wilde Tier. Gemäss Beschrieb standen wir vor dem Gehege der „sozialisierten“ Wölfe, was auch immer das heissen mag. Und diese sozialisierten Wölfe solidarisierten sich mit uns Besuchern und zeigten sich nahe am Gitter. Etwas ermutigt liefen wir weiter, aber, die Pferdekoppel war auch leer. Da wir schon fast eine ganze Runde im Tierpark zurück gelegt hatten, zog es uns noch einmal zu den Luchsen. Und da erblickte Stefan wirklich einen Luchs. Die Tiere waren einfach stinkfaul und schliefen im hohen Gras,  kleine Leute wie ich hatten da absolut keine Chance, auch nur einen Hauch von ihnen zu erblicken. Stefan hatte es schon viel einfacher.

Wie auf ein geheimes Kommando begann sich ab dann der ganze Tierpark zu bewegen. Im Rentiergehege gab es tatsächlich Rentiere zu sehen und nicht einmal wenige. Luchse sahen wir gleich drei aufs Mal. Nur die Hochlandrinder befanden sich immer noch auf der Reise nach Schottland und die Polarfüchse waren auch nicht zu Hause.

Wir gingen zu den Elchen. Tja, und dort brachte Stefan mich nicht mehr von diesem Gehege weg. Ich stand da, völlig verzaubert und starrte eine glückliche Elchfamilie an. Vermutlich starrte ich ziemlich lange, denn Stefan war schon recht ungeduldig. Wir wollten ja noch etwas wandern und nicht nur Elche anstarren. Als ich mich endlich vom Anblick der wunderschönen Tiere losreissen konnte, gingen wir noch einmal Richtung Luchsgehege. Und dort trauten wir dann unseren Augen kaum. Da tollten tatsächlich zwei niedliche Jungen herum, immer streng bewacht von ihrer Mutter. Nachdem ich mir das muntere Treiben ziemlich lange angeschaut hatte, wollte ich endlich weiter gehen, doch ich brachte Stefan nicht von den jungen Luchsen los. Er stand da und genoss. Das konnte doch nicht sein, Stefan outet sich als Katzenfan?

Nun wurde ich ungeduldig, wie war das noch mit wandern? Nach einer für mich endlosen Zeit ging es endlich weiter. Nur noch rasch zu den „nicht-sozialisierten“ Wölfen. Auch in diesem Gehege sahen wir zwei wunderschöne Wölfe, allerdings sahen sie gar nicht so viel nicht-sozialisierter aus als die ersten.

Endlich entschieden wir uns, zurück zum Auto zu gehen, die Gummistiefel anzuziehen und noch etwas zu wandern. Unser Wanderweg führte uns noch einmal an den Elchen vorbei (der Bulle lag da nur etwa zehn Meter von uns entfernt, es gab noch einmal hunderte von Fotos….) und natürlich an den Luchsen. Stefan stand wieder wie gebannt davor und ich konnte mich unbeschwert davon machen und Glace kaufen. Man, spielten wir heute voll auf Touristen.

Nachdem sich Stefan dann endlich von seinen Kätzchen losreissen konnte, begann endlich die Wanderung. Viel hatten wir nicht im Sinn. Einen Hügel besteigen, etwas Aussicht geniessen und wieder runter (alles in allem waren es dann doch drei Stunden…).

Der Aufstieg war ziemlich happig. Einerseits spürten wir das Training vom Vortag in den Knochen (übrigens ein längeres „Regentraining“), andererseits ging es durch Sümpfe und mühsames Wachholdergebüsch hinauf. Dafür erblickten wir noch einmal einen Elch, diesmal in freier Wildbahn und fanden dies eigentlich viel schöner als die Elche im Gehege. Auf dem Hügel war dann die Aussicht wirklich fantastisch. Wir konnten noch einmal auf unendlich viel Wald blicken, durchsetzt mit dutzenden von kleineren und grösseren Seen.

Einziger Wermutstropfen dieser tollen Wanderung war der Verlust von Stefans Kompass. Der blieb irgendwo zwischen Wachholderbüschen und Sümpfen liegen.

Kurz bevor wir wieder zum Auto kamen, durchquerten wir ein letztes Mal den Tierpark. Keine Angst, Stefan ging nicht zu den Luchsen!

Heute regnete es dafür schon von Anfang an. Wir beschlossen, nur noch die Posten der Trainings einzuziehen und den Rest des Tages in der warmen Hütte zu geniessen. Die ersten zwölf Posten wollten Stefan und ich gemeinsam einziehen. Das hiess, ich sollte Karte lesen und voraus laufen, Stefan würde mich dann nur noch kontrollieren. Mit der Gewissheit, dass Stefan meine Fehler schon merken würde und ich so nicht verloren gehen konnte, rannte ich los und fand alle zwölf Posten für meine Verhältnisse sehr gut und sicher. Das war noch einmal ein tolles Training. Die restlichen acht Posten holte Stefan dann allein, ich konnte mich in der Zwischenzeit bereits wieder trocken anziehen und im Auto gemütlich auf ihn warten. Auch Stefan war mit seiner zweiten Runde zufrieden und so konnten wir ohne schlechtes Gewissen wegen akuter Trägheit den ganzen Nachmittag mit lesen, schreiben oder häkeln verbringen. So richtig ein fauler Ferientag also.

Heute dann putzten wir in Windeseile die Hütte, fuhren zum letzten Mal die wirklich lausige Schotterpiste entlang und schlängelten uns Tal auswärts Richtung Vikersund zu. Ab Krøderen kannte ich die Gegend und fühlte mich schon ziemlich zu Hause. Der Empfang in Vikersund bei Mårtenssons war herzlich, es war für mich wirklich fast ein wenig ein „nach Hause kommen“. Hier gibt es endlich wieder Internet-Anschluss und deshalb einen neuen Bericht von mir. Mal schauen, wie lange es bis zum nächsten dauert.  

 

Donnerstag, 28. Juli 2011 

Diesmal hat es ein wenig gedauert mit dem Bericht, es war etwas schwierig, einen Internetanschluss in Kongsberg zu finden. Die Bibliothek hier hätte zwar einen Anschluss gehabt, doch just in dieser Woche ist sie geschlossen. Viele Berichte werden nicht mehr folgen, in wenigen Tagen ist der Norwegenzauber vorbei, ich hoffe, ich werde noch lange davon verzaubert bleiben! 

Die Hütte, die wir seit letztem Samstag bewohnen ist noch einmal wirklich toll. Allerdings haben wir nur Licht mittels Sonnenenergie, kein fliessendes Wasser, dafür eine Dusche, einen Kühlschrank und – man glaubt es kaum, einen Fernseher. Um eine warme Dusche zu bekommen, muss man vorher allerdings hart arbeiten, das heisst, Wasser draussen an der Fassung holen, aufkochen, in einen Kessel leeren und dann mittels einer Pumpe hoch pumpen. Aber, es funktioniert. Gekocht wird mit Gas, geheizt mit Holz.

Der Weg zur Hütte hoch ist ziemlich abenteuerlich steil. Aber, wenn man ihn ein paar Mal gefahren ist, hat man auch davor keinen Bammel mehr. Wir müssen dann in der Schweiz höllisch aufpassen, dass wir nicht die gleichen Ralley-Fahrer sind wie hier oben…

Am Sonntag zog es uns bereits in den ersten Wald in der Nähe von Kongsberg. Bevor wir uns jedoch mit Karte und Kompass bewaffneten, wollten wir in Saggrenda die Silbermine besichtigen. Es soll dort gemäss Beschrieb ein Zug mitten in einen der zahlreichen Stollen führen und den Touristen ein wenig aus der Bergwerkszeit zeigen.

Da es den ganzen Samstag mehr oder weniger heftig geregnet hatte, waren die Minen jedoch geschlossen. Offenbar waren die Gleise überschwemmt worden. Überhaupt standen Teile Norwegens eh ziemlich unter Wasser. Wie schon im Mai mussten Strassen und Fusswege gesperrt werden. Unser Weg in den Wald „Briskemyr“ war natürlich offen (die Hauptstrasse nach Notodden erst einige Kilometer weiter gesperrt), so dass uns nichts daran hindern konnte, unsere Füsse im extrem nassen Wald zu kühlen. Briskemyr war uns noch von Trainings im letzten Jahr in bester Erinnerung. Auch war der Wald eine der Etappen des diesjährigen Pinseløpets. Allerdings wussten wir beide nicht mehr, dass der Boden dermassen ruppig und schlecht belaufbar war. Die zweieinhalb Stunden, die wir drinnen verbrachten, machten uns ganz schön müde. Für mich waren zudem die Bäche ein grosses Hindernis, welches ich ohne Stefans Hilfe nicht überwinden konnte. Teilweise stand ich bis zur Hüfte im kalten Nass… Spass machte es trotzdem, wie immer eigentlich.

Nach dem Training bestaunten wir in Kongsberg dann noch die riesigen Wassermassen, die im Fluss und teilweise auch schon daneben ins Tal hinunter donnerten. Das war schon ziemlich imposant. Wasser hat eine ungeheure Kraft, wenn man es nicht bändigen kann.

Gestern versuchten wir es noch einmal mit der Silbermine, sie hatte wieder geöffnet. Wir hatten Glück und konnten gleich eine Zugfahrt buchen. Bevor wir jedoch um zwölf Uhr losfuhren, gab es eine Gedenkminute für die Toten der Attentate in Oslo und Utøya. Diese beiden schrecklichen Ereignisse hängen wie schwere Wolken nach wie vor über Norwegen. Die Radiostationen und Fernsehsender bringen praktisch keine anderen Meldungen mehr. Man trauert gemeinsam, weint gemeinsam und ist irgendwie eng miteinander verbunden. Auch Stefan und ich spüren diese spezielle Stimmung. Irgendwie mag man gar nicht lachen oder fröhlich sein. Das wird noch lange dauern, bis Norwegen dies alles verarbeitet hat. Was ich einmal mehr spürte, war aber auch diese enorme Liebe zum eigenen Land, der Stolz, Norweger sein zu dürfen, die Gewissheit, dass auch ein solch grässliches Attentat das Volk nicht zerstören kann. Ich bin sicher, dass die Norweger aufgrund dieser Erfahrung noch mehr an der Demokratie arbeiten und ihr freies Land noch mehr lieben werden.

Zurück zur Silbermine. Die Fahrt mit dem Zug dauerte genau zwölf Minuten und war lärmig und düster. Ich war froh, danach in den Stollen steigen zu dürfen. Wir gesellten uns zu einer Führerin, welche uns in den nächsten vierzig Minuten in diverse Gänge führte und uns einiges über die Geschichte der Silberminen erzählte. Kongsberg hat ein weit verzweigtes Minensystem und gilt als eine der sichersten Minen weltweit. In über 350 Jahren holte man insgesamt über 1'300 Tonnen Silber heraus. Stillgelegt wurden die Minen erst anfangs des 20. Jahrhunderts. Wer mehr darüber wissen möchte, sollte sich folgende Seite anschauen: www.norsk-bergverksmuseum.no.

Nach dem Besichtigen der Silbermine zog es uns trotz garstigem Wetter wieder in die Natur hinaus. Wir wollten zum Jonsknuten wandern, einem Antennenmast ganz oben im Knutefjell. Ausgangspunkt war „Haus Sachsen“, was, wie ich jetzt erst gemerkt habe, auch ein Teil der Silberminen war (ich war im Mai dort in einem Training und wusste nicht, weshalb die Gegend dort so hiess).

Der gewählte Wanderweg war vor allem eines: sehr, sehr nass und glitschig. Gegen die Nässe hatten wir natürlich die Gummistiefel, gegen das Ausrutschen lediglich unsere Konzentration. Wir kamen nur sehr langsam voran, und brauchten für drei Kilometer eine volle Stunde. Nach zwei Stunden waren wir auf dem Topp. Es hatte fast bis ganz oben Nebel, einzig Kongsberg schimmerte unten im Sonnenlicht. Wir waren eindeutig zur falschen Zeit am falschen Ort. Aber, wenn sich der Nebel mal lichtete, hatte man eine fantastische Aussicht. Es hatte sich auf jeden Fall gelohnt, hinauf zu steigen. Runter zum Auto ging es dann mehrheitlich einem Fahrweg entlang, was bedeutend einfacher zum Gehen war.

Gestern Abend waren wir dann so richtig müde und fanden, wir sollten mal einen Ruhetag einlegen, sonst brauchen wir nach den Ferien noch Erholung. So blieben wir am Dienstag in der Hütte, lasen oder häkelten und gingen nur ganz kurz etwas rund um die Hütte spazieren. Das Wetter war schön, so dass es wirklich auch einmal toll war, dies ruhend zu geniessen.

Gestern wollten eigentlich Mårtenssons zu Besuch kommen. Da in Vikersund jedoch am gleichen Abend ein Umzug zum Gedenken an die Massaker stattfand und unsere Freunde doch ziemlich betroffen waren, verschoben wir den Besuch auf unbestimmte Zeit. Ich hoffe sehr, die ganze Familie irgendwann einmal in der Schweiz begrüssen zu können.

Da wir also nicht frühzeitig mit Kochen beschäftigt waren, zog es uns noch einmal hinaus an die frische Luft. Wir wanderten von der Hütte aus ins Fjell hoch und hatten einen Aussichtsberg, rund drei Stunden entfernt im Visier. Da wir wie immer kreuz und quer und ohne Wege herum wanderten, merkten wir bald einmal, dass das Ziel zu weit weg war, und wir kürzten die Wanderung. Unterwegs regnete es auch einmal ziemlich heftig, so dass wir gar keine grosse Lust verspürten, „ewig“ unterwegs zu sein. Als wir endlich auf einen Wanderweg kamen, merkten wir, dass es auf diesem gar nicht schneller voran ging. Er war wie immer: nass, morastig, glitschig. Ich sang einmal mehr ein Loblied auf die Gummistiefel. Zum Glück zeigte sich die Sonne bald wieder, und wir konnten die letzten Stunden geniessen.

Heute ist „Kongsbergtag“, also Internet, Stadtspaziergang und dann nur ganz wenig OL-Training im „Briskemyr“. Mittlerweile haben wir 25 Grad hier und kommen mit der Hitze nicht so zurecht. Irgendwie ist es schon viel zu warm zum Rennen.

Morgen dann wird es wohl noch eine kurze Wanderung geben, dann müssen wir bereits ans Packen und Putzen denken. Am Samstag beginnt früh am Morgen unsere Rückreise in die Schweiz. Ich weiss noch nicht, mit welchen Gefühlen ich abreisen werde, war ich nun doch eine lange Zeit in diesem wunderbaren Land. Aber, ich freue mich, Thomas, Sereina Florian und den Kater Findus wieder zu sehen. Und natürlich werde ich viele Freunde und Bekannte mit meinen ellenlangen Erzählungen aus dem hohen Norden „belästigen“. Macht Euch auf einiges gefasst!  

 

Montag, 1. August 2011 

Und hier kommt er, mein ziemlich sicher definitiv letzter Eintrag meines Norwegen-Abenteuers. Seit schon mehr als 24 Stunden sind Stefan und ich zurück in der Schweiz, daheim an der Bergackerstrasse. Und es ist gut so.

Die letzten Tage in Norwegen waren meinerseits von wechselnden Gefühlen geprägt gewesen. Ich hatte schon ein wenig Bammel vor der Rückreise, ich gebe es zu. Aber, ich glaube, ich durfte dies auch haben.

Bevor wir jedoch das Auto packten, nutzten wir die restliche Zeit, nicht zum Wandern, wie ich am Donnerstag noch kühn geschrieben hatte, sondern zum OL-machen…

Nachdem ich meinen Beitrag ins Netz gestellt hatte, reichte der Akku des Laptops gerade noch, um meine Mails zu checken und zu sehen, dass Jörg Luchsinger sich gemeldet hatte. So fuhren Stefan und ich kurzentschlossen zu ihm, plauderten ein ganzes Weilchen mit ihm und kehrten mit einem Bündel OL-Karten nach Hause… als ob wir noch gross Zeit hätten, in die Wälder zu gehen. Aber, eine Karte war gar nicht so weit von uns entfernt, das Training schon eingezeichnet und die Postenmarkierungen noch im Wald vorhanden. Warum also nicht nutzen, was sich so offensichtlich darbot? Der einzige Haken war die OL-Karte, denn sie war ein Spezialdruck für das Norwegische Nationalkader, welches hinsichtlich der WM in Frankreich das Kompasslaufen in Dickichten noch verfeinern sollte. So waren rund um die Posten sämtliche nötigen Details fürs Kartenlesen entfernt worden und man musste stur Kompass laufen, um an die richtige Stelle zu kommen. Unterwegs waren immer mal wieder Wege, Mauern, Dickichte und so weiter entfernt worden, damit man es ja nicht zu gemütlich hatte. Wir waren gespannt.

Das Training im Briskemyr wurde nach dem Besuch bei Jörg Luchsinger auch noch gemacht, allerdings lief es weder bei Stefan noch bei mir gut. Wir mochten einfach nicht rennen. Aber, da wir die Posten am Sonntag vorher gesetzt hatten, mussten wir sie auch wieder einziehen.

Am Freitag standen wir dann für unsere Verhältnisse früh auf, damit wir noch vor der grossen Hitze im Wald „Gamlegrendåsen“ waren. Punkt zehn Uhr rannten wir los. Den ersten Posten noch gemeinsam, danach jeder in seinem Tempo. Mir gefiel der Wald, ich fand die Posten ziemlich gut und ich freundete mich mit den herumlaufenden Kühen an. Ganz am Schluss trafen Stefan und ich wieder zusammen (er hatte eine ziemlich längere Schlaufe), ich glücklich, ihn zu sehen, er am Fluchen… seine Uhr war ausgestiegen und er hatte Mühe, sie wieder in Gang zu bringen (fragt mich ein anderes Mal über die Uhr aus, das ist eine gaaanz lange Geschichte für sich…). Das Malheur mit der Uhr irritierte Stefan offenbar so sehr, dass er die nächsten zwei Posten prompt verhaute, ich war jeweils vor ihm dort, und das in meinem Schneckentempo. Stefan musste zugeben, dass ihn das ziemlich gewurmt hatte.

Alles in allem war es noch einmal ein tolles Training. Unsere Form für die WM in Frankreich stimmt also auch….(ich wage es fast nicht zu schreiben, aber in zwei Wochen laufen wir bereits in Frankreich die Zuschauerläufe der WM…).

Am Nachmittag genossen wir in der Hütte noch einmal das süsse Nichtstun. Hektik brach erst gegen Abend auf. Ich war mitten am Kochen, als das Gas ausstieg. Ein Anruf bei der Vermieterin half nichts, es gab nirgendwo Ersatzgas. Die Vermieterin riet uns, halt auf dem Holzofen weiter zu kochen. Na toll. Gottlob kam Stefan auf die Idee, den Campingkocher, den wir vorsorglich mitgenommen und nie gebraucht hatten, in Betrieb zu nehmen. So garte ich den Lachs zusammen mit dem Gemüse draussen auf unserem Köcherli. Auch das Wasser fürs Abwaschen und am nächsten Tag fürs Putzen der Hütte wurde in der kleinen 2-dl-Pfanne heiss gemacht. Not macht auch uns erfinderisch.

Am Samstag packten und putzen wir, und ziemlich genau um zehn Uhr fuhren wir los. Wir wollten Oslo wieder mit dem Tunnel durch den Oslofjord umfahren. Stefan hatte die Route gewählt, ich fuhr sie. Als wir einen kleinen Fjord mit einer Brücke überqueren wollten, durften wir feststellen, dass dort keine Brücke war und wir auf eine Fähre warten mussten. Dies warf bereits eine Stunde nach unserer Abfahrt unseren ganzen Zeitplan durcheinander. Doch, wir schafften auch diese Hürde und schifften rüber. Von da an ging es dann ziemlich flott durch Norwegen (ich fuhr), vier Stunden lang durch Schweden (Stefan fuhr) und dann mit der Fähre rüber nach Dänemark. Dort fuhr ich wieder, es regnete teils heftigst. In Deutschland hatten wir unseren Rückstand dank geringen Wartezeiten bei den Fähren fast wieder wettgemacht. Ich fuhr immer noch, es regnete auch in Deutschland. Trotz zum Teil gesperrter Autobahn und eben ganz wenig heftigem Regen am Anfang, kamen wir auch hier schnell voran, vor allem, als Stefan das Steuer übernahm. Kurz vor halb sechs Uhr morgens fuhren wir in Basel durch den Zoll und eine Stunde später in Stettlen ein.

Daheim empfing uns ein völlig verschlafener und ziemlich verwirrter Kater, Sereina schlief, Florian war eh nicht da. Wir packten nur die Esswaren aus und legten uns für ein paar Stunden hin. Den ganzen Sonntag über waren wir dann immer mal wieder mit Auspacken beschäftigt, wir erzählten Sereina ununterbrochen von unseren Erlebnissen und hatten noch gar nicht im Sinn, uns von irgendeiner Hektik befallen zu lassen. Auch heute ging und geht es geruhsam weiter. Thomas war zum Brunch hier, auch mit ihm gab es viel zu erzählen.

Ich werde sicher noch einige Zeit brauchen, um „richtig anzukommen“, aber diese Zeit gönne ich mir auch. Fast einhundert Tage war ich unterwegs und erlebte unheimlich viel. Sehr, sehr viel schöne Momente, aber auch Zeiten des Innehaltens, der Traurigkeit und Unsicherheit. Ab und zu wäre ich vor allem in den ersten zwei Monaten froh gewesen, Entscheide abzuwälzen, Situationen auszuweichen, doch ich musste alles allein „durchstehen“ und bin froh, dies auch gemacht zu haben. Es tut gut, mal ein wenig allein zu sein. Ich lernte wunderschöne, neue Landschaften und ganz viele, sehr nette Menschen in Norwegen kennen. Die Elche waren diesmal grosszügig mir gegenüber, ohne die drei im Tierpark mitzuzählen, komme ich auf 23 gesehene Elche, so viel, wie nie zuvor!

Meine Familie (inklusive Kater) hat die Zeit gemäss Aussagen gut überstanden. Auch hier durften vor allem die drei Jüngeren merken, dass es notfalls ohne Mutter geht. Schön ist es aber zu wissen, dass sie mich schon ein wenig vermisst haben, ich sie ja auch.

Sicher bin ich nicht das letzte Mal in Norwegen gewesen, ich hoffe vor allem, meine „Gastfamilie“ wieder besuchen zu können, noch mehr OL machen zu dürfen und neue Landschaften zu entdecken. 

Schön wäre es, von Euch Rückmeldungen über meine Bloggeinträge zu erhalten, sei es via E-Mails direkt oder via Gästebuch. Ich habe keine Ahnung, wie meine Texte bei Euch angekommen sind. Vielleicht abenteure ich ja wieder einmal, dann wäre es schön zu wissen, ob man gerne davon lesen will oder doch lieber nicht. Ich freue mich auf gaaanz viele Mails oder Einträge!

Und natürlich darf jeder und jede auch bei mir vorbei kommen, bei Kaffee und Kuchen kann ich sehr gut erzählen. Noch muss ich nicht gleich mit der neuen Stelle beginnen, ich habe also Zeit.

Danke fürs Lesen!