Flüchtig sein

Meine Meinung zu einem Thema, wo irgendwie jede Meinung nicht ganz richtig ist. Nachdem gestern die Medien voll waren mit den Berichten über die Leichenfunde in einem Lastwagen in Österreich, haben auch wir daheim über die Flüchtlingsthematik geredet. Nicht zum ersten Mal, denn dieses Thema ist so gewaltig, dass man gar nicht darum herum kommt. Ich merkte gestern Abend während des Gesprächs, dass wir gar nicht in der Lage sind, eine einzige Meinung zu vertreten, geschweige denn Lösungsansätze zu finden. Wir sind uns auch nicht immer einig. Ich versuche, die Menschen, die ihr Heimatland verlassen, zu verstehen. Und dabei nicht zu unterscheiden, ob sie fliehen, weil Krieg herrscht oder die wirtschaftliche Not so gross ist. Mir wird dann entgegengesetzt, dass dies wohl unterschieden werden kann. Menschen aus einem Kriegsland, vor allem Familien mit Kindern, soll die Einreise in ein sicheres Land gewährt werden. Die so genannten Wirtschaftsflüchtlinge jedoch sollten davor abgeschreckt werden, ihr Heil im Ausland zu suchen. Doch wer entscheidet dies?

Ich habe erst kürzlich eine interessante Meinung gelesen, dass meine Generation, also diejenigen, die in den 60er und 70er Jahren in den Wirtschaftsaufschwung hinein geboren wurden, mit dieser Situation gar nicht mehr umgehen können. Uns wurde beigebracht, dass es uns immer besser gehen sollte. Mit schlechten Zeiten können wir gar nicht umgehen. Vielleicht fehlt uns dann auch das Verständnis dafür. Ich glaube, der Wirtschaftsaufschwung steckt noch immer in unseren Köpfen. Unsere Eltern lebten schon besser als ihre, nun wollen wir besser da stehen als sie.

Aber das funktioniert nicht. Wir können die Zeiten auch gar nicht miteinander vergleichen. Vor allem hatte die Welt vor zwanzig, dreissig Jahren viel weniger Menschen zu ernähren als heute. Kriege gab es immer wieder. Mal kleiner, mal weltumfassend. Ausrotten können wir sie nie, das scheitert am Menschen selber. Auch Arme und Reiche wird es immer geben. Das Märchen vom Teilen kommt wirklich nur in den Büchern vor. Ich merke das selber bei mir, wenn ich mir die Frage stelle, ob ich denn eine Flüchtlingsfamilie bei mir aufnehmen könnte. Könnte vielleicht schon, aber will ich?

Ich merke, dass die Flüchtlingsproblematik bereits bei mir scheitert. Von der Politik verlange ich Lösungen. Wie weit bin ich als Einzelne jedoch bereit zu handeln? Wäre ich bereit, mein Hab und Gut mit Leuten zu teilen, die nach einem Krieg gar nichts mehr haben? Mir kommt da die Zeit in den Sinn, als ich zwei Jahre lang während den Sommerwochen je ein Kind aus der Ukraine in den Ferien hatte. Ich wollte etwas Gutes tun und scheiterte daran, dass ich die Mentalität dieser Kinder völlig unterschätzte. Ab und zu empfand ich sie als Eindringlinge in mein idyllisches Familienleben und verwünschte meine Idee als Gastmutter. Und dabei hatte ich „nur“ Kinder für wenige Wochen zu betreuen. Schimmerte da nicht ein riesiger Egoismus durch?

Was im Moment abgeht, kann man mit Worten kaum erfassen. Die europäischen Länder stehen vor einer gewaltigen Aufgabe. Lösungen hat niemand bereit. Ich merkte an unserer Diskussion gestern, dass es wirklich schwierig ist, überhaupt zu ordnen, in welche Richtung die eigenen Gedanken und Ansätze dazu gehen sollen. Menschen ohne Krieg im Land zurück schicken? Tote als Abschreckung in Kauf nehmen? Ehtik über Bord werfen?

Ansätze zu Lösungen wären vielleicht die, dass jede Regierung sich überlegt, in welchem Mass sie selber mithilft, Menschen in ärmeren Ländern zum Exodus zu bewegen. Ich bin überzeugt, dass viele Regierungen, dass viele Unternehmungen in den Ländern nach wie vor grosse Profite aus den armen Ländern ziehen. Dass diese systematisch ausgebeutet werden. Ich denke auch, dass viele reiche Länder von den Kriegen profitieren. Irgendwie meine ich auch, dass es vielen gar recht ist, wenn Krieg herrscht, da spielen wirtschaftliche Interessen eine grosse Rolle. Und solange dies so ist, wird sich nichts ändern.

Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit in den Ländern scheitert letztendlich immer am Menschen selber. Die eigene Haut retten, den Reichtum für sich anhäufen, darauf läuft es hinaus. Keine Regierung dieser Welt würde dies ändern wollen. Und regiert wird von Menschen, egal, ob sie Merkel, Obama oder Putin heissen. Davon gibt es noch ganz viele Kleine.

Ich ertappe mich oft beim Gedanken, wie es wohl aussehen würde, wenn wir Schweizer zur Flucht gezwungen wäre? Wäre dann alles anders, eben, weil wir die guten Schweizer sind?